Filmseminar: Harold and Maude
(Spielfilm | Regie: Hal Ashby | USA 1971 | 91 Min. | deu)
(Qualifizierte) Lebensfreude und gesellschaftliche Konventionen bilden einen spannungsreichen Gegensatz mit systemischer Tragweite. Die konforme Formierung der Persönlichkeiten in Ehe, Familie, Beruf und öffentlichem Alltagsleben ist unverzichtbar für eine Ausbeutungsgesellschaft – zumal wenn sie zunehmend nur noch mit kriegerischen Mitteln aufrechterhaltbar scheint. Nicht umsonst wird nun der pflichtschuldige, militärische „Dienst am Vaterland“ wieder eingeführt und schon Kindern und Jugendlichen als „Schule des Lebens“ anempfohlen. Denn: Wer (aus der Reihe) tanzt, steht nicht stramm. Die freche, widerständige, lebenslustige Entfaltung solidarisch-aufgeklärter Persönlichkeiten stellt das Konkurrenzgebot der auf Verwertungstauglichkeit orientierten Gesellschaft fundamental in Frage. In kooperativ-bewusst realisierter Weise bildet sie den Ausgangspunkt weitreichend oppositionellen Engagements für Frieden, Humanität und soziale Gleichheit und kann somit entscheidend zur progressiven Transformation einer strukturell unmenschlichen Gesellschaft beitragen. So geschehen in Folge der weltweiten 1968er-Bewegung, die in den USA nach dem Motto „Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“ entscheidend zur Beendigung des Vietnamkriegs beitrug.
Ein künstlerisch bemerkenswertes Plädoyer für eine solche Haltung und Handlungsweise bildet die 1971 von Hal Ashby veröffentlichte, satirische Filmkomödie „Harold und Maude“.
Der 20-jährige Harold, aufgewachsen in wohlbegüterten bürgerlichen Verhältnissen in San Francisco, ist seines jungen Lebens zutiefst überdrüssig. Immer wieder inszeniert er Selbstmordversuche, um seiner in geschäftig-hohler Selbstbezüglichkeit, konventioneller Egomanie und herablassender Bevormundung erstarrten Mutter irgendeine menschliche Regung abzutrotzen. Sie hingegen bemüht den lokalen Pfarrer, einen beim Militär tätigen Onkel, ein Eheanbahnungsinstitut und einen Psychologen, um Harold auf die nach ihrer Vorstellung „rechte Bahn“ des Lebens zurückzuführen. Da der Psychologie ihm rät, Dinge zu tun, die ihm Freude bereiten, geht Harold immer häufiger auf Beerdigungen. Bei dieser Gelegenheit lernt er die 79-jährige Maude kennen, die ihn mit ihrer anarchischen, unkonventionellen, lebenslustigen Grundhaltung irritiert und in Bann zieht. Maude liebt die Kunst, die Natur und die Menschen und hat eine bewegte Lebensgeschichte, die Harold nach und nach erfährt, je vertrauter die beiden einander werden. Die neu entdeckte Möglichkeit eines gemeinsamen, genussreichen, erfreulichen Lebens gegen alle Konventionen erweckt Harolds aufmüpfigen Geist zu kreativem Widerstand gegen die Obrigkeiten. Gemeinsam schmieden die beiden einen Plan, der erfolgreich Harolds Einberufung zum Kriegsdienst vereitelt. Der offene Affront gegen alle konformen Normierungsversuche gipfelt in der Bekundung von Harolds Absicht, Maude heiraten zu wollen. Die Reaktionen der versammelten konservativen „Tugendritter“ sind ein satirischer Filmgenuss für sich. Der Heiratsplan kommt nicht zur Vollendung. Harold ist jedoch der sinnentleerten, strukturell verlogenen bürgerlichen Gesellschaft unumkehrbar abtrünnig geworden und folglich im Stande, eine bessere, tatsächlich menschengemäße Gesellschaft mit hervorzubringen.
Mit dieser äußerst humorvoll erzählten, beispielgebenden Parabel bannt der Film eine Vielzahl wegweisender Erkenntnisse von aktueller Relevanz auf die Leinwand: Die vielbeschworene „Normalität“ selbst ist das Grauen. Jede Auflehnung dagegen ist von grundlegend vermenschlichender Bedeutung. Die Persönlichkeit bildet sich im Widerstreit zum normierenden Gang und Gäbe. Jeder Schritt in diese Richtung lässt einander als Seinesgleichen besser erkennen und begreifen. Die so begründete Sympathie versetzt sprichwörtlich Berge. Sie kann Kriege beenden und ist der Schlüssel für das Gelingen eines menschenwürdigen Daseins im globalen Maßstab. Die Welt braucht eindeutig mehr davon.
International solidarisch – Schluss mit Austerität!
„Dies ist, glaube ich, die Fundamentalregel alles Seins: ›Das Leben ist gar nicht so. Es ist ganz anders.‹“
Kurt Tucholsky, „Schnipsel“, 1925.