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Filmseminar: Minna von Barnhelm oder: Das Soldatenglück
„Eine Frage der Ehre?“: Der Krieg ist eine umfassend archaische, menschenwidrige und zerstörerische Angelegenheit, die längst überwunden sein könnte. Entsprechend vorgestrig sind auch die gesellschaftlichen Geisteshaltungen, die mobilisiert werden müssen, damit er akzeptiert, vorbereitet und mitgemacht wird. Die allgegenwärtig verlangte „Kriegstauglichkeit“ soll jeglichen Anspruch zur Verwirklichung einer zivilen, humanen und solidarischen Gesellschafts- und Persönlichkeitsentwicklung als verweichlicht, naiv und unzeitgemäß erscheinen lassen. Diese giftige Mär geht hinter fundamentale Erkenntnisse der Aufklärung zurück. Höchste Zeit also, die Aufklärer selbst neu zu Wort kommen zu lassen.
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) ist einer ihrer wegweisendsten Verfechter in der deutschen (Literatur-)Geschichte. Sein 1767 in Hamburg erstaufgeführtes Lustspiel „Minna von Barnhelm“ gilt zurecht als Meilenstein in der Begründung des modernen Theaters und ist in direkter Verarbeitung des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) entstanden, der als erster weltumspannender Krieg der europäischen Großmächte in die Geschichte einging. Die äußerst werknahe DEFA-Verfilmung von 1962 bringt den revolutionären Gehalt des Bühnenstücks in einzigartig-aktueller Weise zur Entfaltung.
Die Handlung des Stücks kurz skizziert: Das wohlhabende, adelige Fräulein Minna von Barnhelm aus dem kriegsunterlegenen Sachsen reist nach Berlin, um ihren Verlobten, den Major Tellheim wiederzufinden, der zwar in der siegreichen preußischen Armee gedient hat, sich aber verweigerte, die Kontributionen aus den besetzten Gebieten einzutreiben und durch solch menschenfreundliche Güte in Minna eine Gleichgesinnte fand. Nach Kriegsende wurde er jedoch wegen dieser „Feindesbegünstigung“ in Ungnaden aus der Armee entlassen. Auf diese Weise „entehrt“, verarmt und zudem kriegsversehrt sieht er sich der Liebe Minnas und jeder freundschaftlichen Zuwendung als unwürdig an und will die Verbindung lösen. Von dieser starrsinnigen Selbstminderung empört, inszeniert Minna ihrerseits eine fundamentale gesellschaftliche Ächtung ihrer Person (ihr Onkel habe sie wegen ihrer unstatthaften Verlobung mit Tellheim enterbt und verstoßen). So soll das vernagelt-militärische „Ehr“-Prinzip, dem Tellheim verhaftet blieb, ausgehebelt und seine wahrhaftige Humanität in neuer, kämpferischer Qualität zur Entfaltung gebracht werden. Mithilfe zahlreicher Beteiligter gelingt der gewagte Coup und die „Gleichheit als festestes Band der Liebe“ kann auf neuem Niveau verwirklicht werden.
Diesem Gelingen liegt ein tieferer, in der Dramaturgie des Stückes vermittelter Sinngehalt zugrunde: Die beispielgebende Sympathie als grenzenüberschreitendes, ziviles Entwicklungsprinzip triumphiert gegen den rohen Ungeist aller im kriegerischen Prinzip vermittelten Ungleichwertigkeitsvorstellungen und stellt damit – auf spielerische Weise eine egalitäre Gesellschaft vorwegnehmend – das strukturelle Herrschaftsverhältnis gänzlich in Frage.
Diese fundamental-aufklärerische Sprengkraft entfaltet das Lustspiel wesentlich in den dialogischen Kontroversen und dynamischen Konfliktkonstellationen der involvierten Charaktere. Bereits vor 260 Jahren thematisierte Lessing die entscheidenden Fragen zur Herausbildung einer neuen Gesellschaft – in dem zivilisatorisch eindeutig zu entscheidenden Gegensatz von Krieg und Frieden. Dem grandiosen Schauspiel, der lebendigen Historizität des Bühnenbilds und der erbeverständigen Regie des Films ist es zu verdanken, dass sie heute – da diese Fragen unter erheblich besseren materiellen Bedingungen in umso größerer Dringlichkeit gestellt sind – mindestens ebenso radikal-egalitär, humanistisch-emanzipatorisch und humorvoll-kulturkritisch beantwortet werden können wie damals. Ein menschheitsrelevanter Genuss. Dem sollte niemand entsagen. „Lieber Major, das Lachen erhält uns vernünftiger, als der Verdruss.“ (Minna, ebd.)
Darum: International solidarisch – Schluss mit Austerität!
„Die Großen haben sich überzeugt, daß ein Soldat aus Neigung für sie ganz wenig; aus Pflicht nicht viel mehr: aber alles seiner eignen Ehre wegen tut. Was können sie ihm also schuldig zu sein glauben? […] und am Ende ist ihnen niemand unentbehrlich.“
Gotthold E. Lessing, „Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück“, 1767.
Den Flyer findet ihr hier auch als [pdf] zum Download.