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Filmseminar: Goya – oder der arge Weg der Erkenntnis

Dezember 9 @ 18:00 - 22:00

(Spielfilm | Regie: K. Wolf | DDR 1971 | 134 Min. | deu)

Die Veranstaltung findet am Mittwoch, den 09. Dezember 2020 statt und beginnt um 18 Uhr im Abaton Kino (Allende-Platz 3). Im Anschluss wird es wie immer Gelegenheit zur Diskussion geben. Das Filmseminar gegen Austerität wird als studentisches Seminar organisiert. Zur Teilnahme bitten wir um eine kurze Anmeldung per Mail an kontakt@schluss-mit-austeritaet.de. 


„Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. So betitelte Francisco José de Goya y Lucentes das Blatt 43 seiner als „Caprichos“ (Einfälle) bezeichneten, 1799 veröffentlichten Sammlung von Radierungen, die ihn – der Verurteilung durch die spanische Inquisition zu ewigem Vergessen zum Trotz – weltweit bekannt und der so beschenkten Nachwelt unvergesslich gemacht hat. Die in ihrer Klarheit, Ausdrucksstärke, anspielungsreichen Eindringlichkeit und sozialkritischen Aufklärungswirkung kaum übertroffenen Skizzen sind eine satirische Abrechnung mit den religiös-unterdrückerisch erstarrten, barbarischen Verhältnissen des absolutistischen Spaniens und seiner dekadenten  klerikalen und feudalen Herrscherriege, die von Goya ebenso den Spiegel vorgehalten bekommt, wie er der Bevölkerung ihre wahrhaftigen Plagegeister als irdische Gestalten kenntlich macht. Die Caprichos bilden eine nachdrückliche Zäsur im Leben und Wirken Goyas ebenso wie in der geschichtlichen Entwicklung Spaniens und Europas, denn der wache, sehende, empathische Künstler beginnt offen politisch, d.h. bewusst gesellschaftlich zu wirken und bricht damit einem lange reifenden, längst überfälligen und weithin nachwirkenden Aufstand Bahn, indem er ihn persönlich zu Papier bringt.

Den spannungsreichen, widerspruchsvollen und insofern argen Weg zu solch tatenreicher Erkenntnis erkennbar zu machen in seiner allgegenwärtigen Beschreitbarkeit, ist wiederum das unvergleichliche Verdienst Lion Feuchtwangers und seines in vehementer Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus 1941 begonnenen Romans, der die Blaupause für die kongeniale Verfilmung unter gleichnamigem Titel durch das DEFA-Team um Konrad Wolf bildet.

Goya, der Bauernsohn aus dem ärmlichen Aragonien, gelangt als Porträtist an den Königshof in Madrid und damit in die mildtätige Gunst der Mächtigen und die Wirren seiner Zeit. Sein aufmüpfiger Schüler und klandestin agierende, revolutionäre Liberale um den Aufklärer Jovellanos schätzen seinen wachen Geist, aber sind erzürnt ob seiner schmeichelhaften, künstlerischen Werke. Die Anmut der leidenden und widerstehenden Menschen, Musiker und Tänzer aus dem geplagten Volk, lässt ihn in schlaflosen Nächten die eigene Feigheit peinvoll spüren und zugleich klarer sehen und wahrhaftiger malen. Die leidenschaftliche Liaison mit der widerspenstigen Herzogin von Alba und seine wagemutiger werdenden Zeichnungen rufen alsbald die Inquisition auf den Plan. Mit ungeahnt mutiger Finesse gelingt es zunächst, seine zur offenen Konfrontation und Parteinahme für die unterdrückte Bevölkerung gewordenen Werke zu verteidigen. Doch als die Unruhen anwachsen, die Verfolgung immer willkürlicher wird und die Repression gewaltsam um sich greift, bleibt ihm nur noch die Flucht ins Exil im inzwischen republikanischen Frankreich. Die Inquisition tobt und fällt das Todesurteil. Die Saat der Rebellion ist jedoch unweigerlich gesät. Goya antwortet mit den „Desastres de la Guerra“, einer Anklage des vom Klerus angezettelten Krieges gegen Frankreich und einer der vehementesten zeichnerischen Verurteilungen des Krieges überhaupt.

Die filmische Verdichtung ist nicht nur ein cineastisch-künstlerischer Hochgenuss, der seines Gleichen sucht. Er ist zugleich ein greifbar aktuelles, tief beeindruckendes Dokument des Triumphes der widerständigen Vernunft und Humanität über die „inthronisierte Unvernunft“ und ein unabweisbarer Beleg für die universell bewegende, umwälzende und befreiende Kraft der Schönheit und ihrer künstlerischen Vergegenständlichung. 

Nach intensivster, jahrelanger, streitbarer Erarbeitung im Verbund von spanischen, sowjetischen, rumänischen, bulgarischen, jugoslawischen, polnischen und deutschen Filmschaffenden ist er zudem ein später Sieg der internationalen Antifaschist*innen über das franquistische Spanien.

Anregung genug: International solidarisch – Schluss mit Austerität!

„Kien-leh gebrauchte mitunter das Bild >schön wie die Wahrheit<. Jemand sagte zu ihm ärgerlich: Wenn man die Wahrheit immer wüßte, wieviel Häßliches wüßte man da. Kien-leh widersprach ihm ernsthaft.“
Bertolt Brecht, „Me-ti. Buch der Wendungen“, entstanden im Exil der 1930er Jahre.

Hier findet ihr den Flyer demnächst auch als pdf.

Details

Datum:
Dezember 9
Zeit:
18:00 - 22:00
Veranstaltungskategorie:

Veranstaltungsort

Anna-Siemsen-Hörsaal
Von-Melle-Park 8
Hamburg, 20146 Deutschland