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Herrenpartie

2. September 2020 @ 21:00 - 23:30

Spielfilm | Regie: Wolfgang Staudte | D/YUG 1964 | 92 Min.| deu


Frieden, internationale Solidarität, globale soziale Wohlentwicklung und eine aufgeklärte, sinnstiftende, produktive und erfreuliche Alltagskultur – kurz eine Welt, in der der Mensch dem Menschen ein Freund ist: Das ist, wofür aus der (deutschen) Geschichte zu lernen ist. Allemal am 1. September, dem Jahrestag des faschistischen Überfalls auf Polen, mit dem 1939 der deutsche Raub- und Vernichtungsfeldzug begann, der im größten Menschheitsverbrechen mit weltweit über 65 Millionen Todesopfern endete.

Viel zu oft schon sollte „am deutschen Wesen die Welt genesen“. Auch die nun bereits seit 10 Jahren den europäischen Nachbarn mit verheerenden ökonomischen, sozialen, gesundheitlichen und politischen Folgen aufgezwungene Doktrin der finanzpolitischen Austerität reiht sich in diesen teutomanen Ungeist ein. Mindestens dreimal im letzten Jahrhundert, im 1. und 2. Weltkrieg wie auch im wesentlich vom „wiedervereinigten“ Deutschland mitforcierten NATO-Krieg 1999, waren die Bewohner*innen der jugoslawischen Balkanstaaten Leidtragende dieser imperialen Expansionsbestrebungen.

Umso eindrücklicher wirkt die filmische Aufarbeitung der Vergangenheit, die Wolfgang Staudte 1964 mit seiner inhaltlich, dramaturgisch und ästhetisch herausragenden, bissigen Satire leistet. Im restaurativen Nachkriegsdeutschland als „üble Nestbeschmutzung“ diffamiert wurde sie in westdeutschen Kinos fast nie gezeigt. Wer den Film sieht, mag verstehen, warum.

Die Kino-Größen des sozialistischen Jugoslawien, das sich, nach der weitgehenden Selbstbefreiung vom faschistischen Joch durch den unerschrockenen Kampf der Partisanen, in den 1960er-Jahren mithilfe der von Tito mitgegründeten Bewegung der Blockfreien Staaten zum prosperierenden Vorzeigemodell einer international solidarischen Gesellschaft entwickelte, band Staudtes Team höchst egalitär und gewinnbringend für alle Beteiligten in die Ko-Produktion ein. So entstand ein filmischer Meilenstein der Völkerverständigung und schonungslosen Enttabuisierung der hierzulande verschwiegenen Verbrechensgeschichte und der fortwirkenden Mentalitäten, die diese Verbrechen und das neuerliche Verschweigen ermöglichten.

Ein kleinbürgerlicher deutscher Männergesangsverein bleibt bei der Abreise vom Urlaub an der montenegrinischen Adriaküste mit seinem Mercedes-Bus liegen und sucht im nahen, ausschließlich von Frauen bewohnten Dorf nach Unterkunft und Treibstoff. Als die Bewohner*innen, die, wie sich herausstellt, die einzigen Überlebenden eines 1943 von der Wehrmacht als Vergeltungsaktion verübten Massakers sind, ihnen mit offener Ablehnung begegnen, wird das zunächst einfältig-harmlos erscheinende Wesen der Spießbürger mehr und mehr zu seiner herrenrassisch-besatzerischen Kenntlichkeit entstellt. Der chauvinistisch-vulgäre, provinziell-ignorante und bieder-autoritäre Kern der deutsch-romantischen Heile-Welt-Idylle – Triebkraft aller restaurativen Umtriebe bis heute – wird umso anschaulicher gemacht durch die stringente, überzeugende Kontrastierung: die rückwärtsgewandten Herren der „freien Welt“ führen erneut Krieg gegen die unbeugsame Würde der jugoslawischen Frauen, den kämpferischen Anmut des Partisanengesangs und das solidarische Selbstbewusstsein im Erringen einer besseren Gesellschaft. Dabei wird auch Schritt für Schritt die tatsächliche Vergangenheit der Beteiligten ans Tageslicht gebracht.

Wem in dieser Kontrahenz die Zukunft gehört, bleibt auch deswegen keine offene Frage, weil nur eine der beiden Seiten in der Lage ist, aus der Geschichte ihre Lehren zu ziehen. Und weil sie so eine neue Generation zum heiteren Bruch mit den althergebrachten Ungeistern zu bewegen vermag.

Ein heilsamer, befreiender und erkenntnisreicher Auftrag für uns und alle Heutigen.
Der national bornierte Biedersinn gehört auf den Müllhaufen der Geschichte.
Schluss mit der Enge! Heraus zum Weltfriedenstag! Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!
Und insofern auch: Schluss mit Austerität!

„Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen. Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen, was jener will.“
Heinrich Heine, „Französische Zustände“, 1832.

Den Flyer findet ihr hier auch als pdf.

Details

Datum:
2. September 2020
Zeit:
21:00 - 23:30
Veranstaltungskategorie:

Veranstaltungsort

Philturm
Von-Melle-Park 6
Hamburg, Hamburg 20146 Deutschland