Filmseminar: Work hard, play hard
(Doku | Regie: Carmen Losmann | D 2011 | 90 Min. | deu)
Um den gesellschaftlichen Aufstieg der extremen Rechten zu bekämpfen, muss auch die neoliberale Vermarktwirtschaftlichung aller Lebensbereiche in Frage gestellt und überwunden werden. Dem jahrzehntelang propagierten Ideal des „freien Wettbewerbs“ liegt dasselbe ideologische Prinzip zugrunde wie dem völkischen Nationalismus: das „Survival of the fittest“ – die ausschaltende Konkurrenz, in der sich jeder zu bewähren habe. Freilich darf der moderne, aufgeklärte Mensch als „Unternehmer seiner selbst“nicht den Eindruck gewinnen, er werde ausgebeutet oder unterdrückt. Er soll aus freien Stücken wollen, was er soll. Daher finden die alltäglichen „Anreize“ zur Selbstoptimierung in Arbeit und Freizeit auf deutlich subtilere Weise statt, was sie nicht weniger totalitär macht. Gerade die konforme Segmentierung und Privatisierung des Subjekts ist das entscheidend zu überwindende Problem, damit die Herausbildung einer menschenfreundlicheren Welt gelingt.
Deshalb ist der 2011 von Carmen Losmann veröffentlichte Dokumentarfilm „Work hard – play hard“ so bedeutsam aktuell.
Anhand vollständig unkommentierter, aber äußerst präzise eingefangener und klug arrangierter Einblicke in die Personalmanagement-Prozesse moderner Dienstleistungsunternehmen wie Unilever, DHL und Co. zeigt er, wie die „Ressource Mensch“ zur Profitmaximierung angehalten wird, welche Strategien – von Teambuildung-Maßnahmen, flachen Hierarchien, flexibler Bürogestaltung, Assessment-Gesprächen bis hin zur psychologisch durchorchestrierten Innenarchitektur – Personalplaner dafür anwenden und in welcher Weise diese Mechanismen die gesamte gesellschaftliche Alltagskultur beeinflussen. Die gesamte Persönlichkeit soll daraufhin strukturiert werden, dass sie den größtmöglichen Nutzen für die Bilanz realisiert und das auch noch als eigenen Antrieb für sich annimmt. Wenn dafür Abenteuer-Spiele, Meditationskurse, Selbstreflexionsgespräche über charakterliche Stärken und Schwächen und die Aufhebung der Trennung von Arbeit und Freizeit förderlich erscheinen, wird das gemacht.
Neusprech-Wortblasen wie „New Work“, „Change Management“, „non-territoriale Arbeitsplätze“, „Prozessoptimierung“, „Open Spaces“ oder „partizipative Kommunikationskultur“ tun ihr Übriges für den schönen Schein zum üblen Programm von Deregulierung, Arbeitsverdichtung, Stellenabbau und dem allseits beliebten Prinzip „Nach-oben-Buckeln, Nach-unten-Treten“.
Echte Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten, unkonventionellen Denk- und Handlungsweisen, einem kritischen Bewusstsein grundlegend notwendiger, gesellschaftlicher Veränderungen oder gar mit solidarischem Engagement für die Verwirklichung höherer, humaner Zwecke – sprich einem verallgemeinerungswürdigen Sinn im Leben – sind in der ausbeutungsoptimierten Welt nicht vorgesehen. Sie würden – in organisierter Form – das System zum Einsturz bringen.
Das zeigt der Film auf sachlich-strukturierte und deshalb umso eindringlichere Weise. Die himmelschreiende Absenz beinahe jeglicher, tatsächlicher Menschlichkeit beschwört die Alternative zur Entfremdung geradezu herauf. Der Mensch ist kein isoliertes Konkurrenztier. Er verwirklicht sein Menschsein in der bewussten, planvollen und kooperativen Gestaltung seiner gattungsgeschichtlich-konkreten Lebensbedingungen. Auf Höhe der Zeit besteht dies im assoziierten Wirken für Frieden, Abrüstung, zivile internationale Entwicklung, soziale Gleichheit, ein nachhaltiges Mensch-Natur-Austauschverhältnis und umfassende demokratische Partizipation – in jedem Bereich des gesellschaftlichen Lebens. So kommt Licht ins Dunkel und eine erfreulichere Alltagskultur erwächst. Ein Jede:r ist dabei gefragt.
International solidarisch – Schluss mit Austerität!
„Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“
Karl Marx, „Thesen über Feuerbach“, 1845.