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Filmseminar: Unruhige Nacht
(Spielfilm | Regie: Falk Harnack | BRD 1958 | 95 Min. | deu)
Der Krieg ist die Ultima Irratio. Die globale Nahrungsmittelproduktion würde ausreichen, um die Weltbevölkerung 2,5mal zu ernähren. Mit dem nuklearen Waffenpotenzial der Großmächte könnte sie mehr als 20mal zerstört werden. Das Welternährungsprogramm der UN verfügt über ein Jahresbudget von 6 Mrd. Euro. Die weltweiten Rüstungsausgaben betrugen 2024 2700 Milliarden Euro. Dennoch wird gesellschaftlich die Idiotie genährt, Abrüstung, Diplomatie, zivile Konfliktlösung und das Primat der Gewaltfreiheit als Voraussetzung für eine humane, soziale Entwicklung seien naiv – Abschreckung, Gewalt und Machtpolitik alternativlos. Eine literarisch-filmische Geschichtsstunde kann hier Abhilfe verschaffen.
Unter der Regie von Falk Harnack (Mitglied der „Weißen Rose“ im antifaschistischen Widerstand) entstand 1958 die Verfilmung von „Unruhige Nacht“, einer bereits 1950 veröffentlichten Novelle des evangelischen Theologen und ehemaligen „Wehrmachtsgeistlichen“ Albrecht Goes, der sich u.a. an der Seite Gustav Heinemanns vehement gegen die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik engagierte.
Ort der Handlung ist die faschistisch besetzte Ukraine im Kriegsjahr 1942. Der Militärpfarrer Brunner (Bernhard Wicki) wird von seinem Lazarettdienst zur nahegelegenen Kommandantur Proskurow beordert, um den zum Tode verurteilten Deserteur Baranowski (Hansjörg Felmy) zu dessen für den nächsten Morgen anberaumter Hinrichtung zu geleiten. Was den militärischen Offiziellen als rein rechtlich vorgesehener Verwaltungsakt gilt, wird für den gläubigen Christen zum kathartischen Erkenntnisprozess über das zutiefst barbarische Wesen des Kriegs und die humane Verantwortung des Einzelnen gegenüber Seinesgleichen und der Geschichte. Entgegen der Usancen vertieft sich Brunner in die Gerichtsakten und erfährt dabei die Handlungsmotive Baranowskis. Der als Waise aufgewachsene Soldat hatte versucht, bei einer ukrainischen Zivilistin und ihrem Sohn menschliche Nähe, produktiven Sinn und humane Zuflucht vor der rohen Stupidität des Kriegsdienstes zu finden und wurde dabei ertappt. An den menschenfreundlichen, lebensbefürwortenden Absichten Baranowskis kann Brunner keinerlei Schuld entdecken. Umso tiefgreifender erschüttert ihn das himmelschreiende Unrecht des Todesurteils. Ein zufälliges Gespräch mit dem bestellten Kommandeur des Erschießungstrupps öffnet ihm zusätzlich die Augen über die menschliche Verkommenheit derjenigen, die diese Kriegsmaschinerie aufrechterhalten. Auch seine eigene Rolle darin muss Brunner fundamental neu reflektieren. Die Vollstreckung des Todesurteils kann er letztlich nicht mehr verhindern. Die daraus zu ziehende Konsequenz ist jedoch unfraglich: damit das Unrecht prinzipiell beseitigt werden kann, ist der Krieg zu beenden und für alle Zeiten unmöglich zu machen. Darauf ist jegliche menschliche Courage zu richten. Die unverbrüchliche Menschenliebe Baranowskis ist dafür beispielgebendes Movens mit verallgemeinerungswürdiger Bedeutung.
Auf diese Weise entfaltet die durch ihre figurative und dialogische Konfliktzeichnung bewegend erzählte filmische Parabel eine Erkenntniswirkung von höchster Aktualität: die persönlich-engagiert vertretene Ablehnung von Gewalt, Ungleichheit und Inhumanität hat zivilisationsgeschichtlich fundamental befreiende Bedeutung. Das Überleben und Besser-Leben der Menschheit gelingt, indem diese konsequente Haltung solidarisch-qualifiziert gesellschaftliche Verallgemeinerung findet. „Die Menschheit von der Geißel des Krieges zu befreien“ (Präambel der UN-Charta) ist der akute Entwicklungsauftrag Aller. Lernen hat dabei noch nie jemandem geschadet. Schon gar nicht aus der Geschichte. Freude sei der Maßstab des Gelingens.
Daher: International solidarisch – Schluss mit Austerität!
„Nun ja; Böses tun, um Böseres zu verhüten: ist es diese Melodie? Das Amt des Schwertes als das Amt der Ordnung. Aber was für eine Ordnung halten wir denn aufrecht mit unserem Krieg? Die Ordnung der Friedhöfe. Und den letzten Friedhof, den größten dann, den belegen wir selbst.“
Albrecht Goes, „Unruhige Nacht“, 1950.