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Filmseminar: Under Fire

11. August 2021 @ 21:00 - 23:00

(Spielfilm | Regie: Roger Spottiswoode | USA 1983 | 128 Min. | deu)

Voraussichtlich wieder als Freiluftkino vor dem Philturm, Beginn um 21 Uhr


Bis ins 15. Jahrhundert hinein war das heutige Nicaragua eine der am dichtesten bevölkerten Regionen der Welt. Im Jahre 1552 – nach nur 30 Jahren spanischer Besatzung – konstatierte Bartolomé de las Casas (Theologe, Bischof von Chiapas und einer der frühesten Kritiker des brutalen Kolonialregimes), dass infolge eingeschleppter Krankheiten, systematischer Versklavung, Deportation in die Silberminen von Peru und Bolivien und Ermordung nur noch 4000-5000 Angehörige der einstigen Hochkulturen der Pipil, Nicarao und Choroteguas in Nicaragua lebten.

Mit der 1821 erkämpften Unabhängigkeit wechselte im Kern nur die Nutznießerschaft der Ausplünderung. Von da an waren es vor allem die Vereinigten Staaten, deren Banken und Agrarkonzerne mithilfe einer willfährigen Oligarchie vor Ort die Geschicke des Landes nach ihren Interessen steuerten.  So verhalfen US-Soldaten bereits Ende der 1920er-Jahre infolge der militärischen Niederschlagung des Aufstands von General Augusto Sandino dem Familien-Clan der Somozas zu einer diktatorischen Machtfülle, die den US-Konzernen florierende Geschäfte sicherte, den Somozas (gleichzeitig Generalvertreter von Mercedes-Benz im Lande) 15% des Grundbesitzes verschaffte, durch aggressiven Raubbau und extraktive Monokulturen die natürlichen Ressourcen des Landes zerstörte und den größten Teil der Bevölkerung in repressiver Kontrolle, Elend und Unterentwicklung hielt.

Mitte der 1970er-Jahre erlangt jedoch die 1961 nach kubanischem Vorbild von dem Marxisten Carlos Fonseca gegründete Sandinistische Befreiungsbewegung FSLN immer mehr Zustimmung unter Intellektuellen, kirchlichen Anhängern der Theologie der Befreiung, gewerkschaftlich organisierten Arbeiter*innen und der verarmten Landbevölkerung. Nach jahrelanger, unermüdlicher Aufklärungstätigkeit, zahllosen Sabotage-Aktionen und mehreren Generalstreiks gelang es ihr im Juli 1979 schließlich, Anastasio Somoza aus dem Land zu jagen, die Hauptstadt Managua zu befreien, die Nationalgarde zur Kapitulation zu zwingen und eine sozialistisch orientierte, demokratische Regierung zu etablieren. Zu den ersten Maßnahmen gehörten die Einführung des allgemeinen Wahlrechts, die Verabschiedung einer neuen Verfassung mit weitreichend garantierten sozialen Rechten für Alle, die massive Förderung von Kunst und Kultur insbesondere der indigenen Bevölkerung, eine Agrar- und Bodenreform zugunsten von Kleinbauern und ländlichen Kooperativen, die Etablierung eines kostenlosen Bildungs- und Gesundheitswesens und eine groß angelegte Alphabetisierungskampagne, die die Analphabetenquote von 50% auf 12% senkte. Erster Kulturminister war der Befreiungstheologe Ernesto Cardenal.

Der Film „Under Fire“ zeigt die Geschehnisse im Vorfeld des Julis 1979 aus der Perspektive des US-amerikanischen Kriegsfotographen Russell Price (Nick Nolte). Der will zunächst nur aus beruflichem Eifer die Kämpfe zwischen Somoza-Regierung und Sandinisten dokumentieren, dringt dabei aber immer tiefer ein in die Verstrickungen seiner Regierung mit den völlig skrupellosen, dekadenten Machthabern, die vor keiner Grausamkeit zurückschrecken. So bemerkt er zunehmend, dass es eine neutrale Distanz in derlei Konflikt nicht gibt und greift, um nicht selbst zum Unmensch zu werden, schließlich ein zugunsten der Widerständigen – mit allen nötigen Konsequenzen.

Gerade weil der Film ein mit klassischen Hollywood-Mitteln inszeniertes Werk eines ansonsten nicht für politisches oder tiefsinniges Kino bekannt gewordenen Regisseurs ist, verdeutlicht er auf authentische Weise die immense internationale Überzeugungskraft der Nicaraguanischen Revolution. Er ist zudem ein klares Statement gegen die US-Einmischungspolitik prinzipiell und ein höchst spannungsreiches Lehrstück über die Bedeutung der Aufklärung, die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte und die tiefgreifende Wirkung der internationalen Solidarität. Wer wirklich wissen will, wirkt weiter.

Eine bessere Welt ist möglich. Insofern: Schluss mit Austerität!

„Unsere Gedichte können noch nicht veröffentlicht werden.
Sie gehen von Hand zu Hand, als Manuskript
oder hektografiert. Doch eines Tages
wird der Name vergessen sein des Diktators,
gegen den sie geschrieben sind,
und dann wird man sie weiter lesen.
Ernesto Cardenal, „Epigramme“, 1961.

Hier findet ihr den Flyer auch als pdf.

Details

Datum:
11. August 2021
Zeit:
21:00 - 23:00
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