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Filmseminar: Tod eines Handlungsreisenden

März 2 @ 18:00 - 22:00

(Spielfilm | Regie: Volker Schlöndorff | USA 1985 | 130 Min. | deu)


Das Versprechen, Jede:r könne es durch eigene Leistung zu Wohlstand, Glück und gesellschaftlicher Anerkennung bringen, ist so alt wie der Kapitalismus selbst. Die Verbreitung dieser stets modifizierbaren Schimäre gehört zur wichtigsten seiner lebenserhaltenden Maßnahmen. Nirgends fand die ideologische Figur der Aufstiegschancen stärkere Verdichtung als im „American Dream“ des 20. Jahrhunderts, der mit dem vorläufigen Sieg der USA in der Systemkonkurrenz nach 1990 als neoliberales Eigenverantwortungsprinzip globale Verbreitung erlangte und die Welt in ihren heutigen krisenhaften Zustand gebracht hat. Was da als Erfolgsmodell exportiert wurde, war historisch etwas eigentlich längst Überlebtes. Spätestens der Große Crash von 1929 holte die meisten US-Amerikaner:innen auf den Boden der höchst prekären sozialen Realität und in der Folge gab es nicht wenige Künstler:innen und Intellektuelle, die das idealisierte Zerrbild des „Selfmade-Man“ in immer kritisch-kreativeren Formen zu Grabe trugen.

Zu den scharfsinnigsten, tiefgreifendsten und deshalb aktuell besonders wertvollen dieser heilsam-aufklärerischen Totenmessen gehört das 1949 von Arthur Miller verfasste Drama „Death of a Salesman“.

Das Stück wirft anhand des Werdegangs der Familie Loman ein grelles Licht auf das Ergebnis der verinnerlichten Doktrin, jeder sei „seines eigenen Glückes Schmied“. Willy Loman (Dustin Hoffman), der Familienvater, glaubt voll und ganz an diesen Satz und hat auch seine Söhne strikt nach diesen Werten erzogen. Strebsamkeit, Wettbewerbsgeist, Ärmel-hoch-krempelnde Zuversicht gelten ihm als Garanten zum Glück. Glück heißt, es zu etwas im Leben zu bringen und bemisst sich am Grad der Anerkennung durch Andere, insbesondere jener, die es zu noch mehr gebracht haben. Doch das Glück der Lomans hat Risse. Willy ist Handelsvertreter und verkauft immer weniger. Er muss sich beim verhassten Nachbarn Geld leihen, um die Familie und das Haus durchzubringen. Als 64-jähriger kann er dem Vergleich mit seinem verstorbenen Bruder Ben, der es schon als 21-jähriger zu enormem Reichtum gebracht hatte, nicht standhalten und zu allem Überfluss will aus dem einstigen Vorzeigesohn Biff (John Malkovich) einfach nichts werden. Aber Misserfolg gibt es nicht in Willy Lomans Welt, also flüchtet er sich immer mehr in die idealisierte Vergangenheit, was den schwelenden Konflikt mit Biff und der gesellschaftlichen Irrealität des Aufstiegsglaubens immer stärker zu Tage treten lässt.

Bis zur letzten tragischen Konsequenz wird dabei am persönlichen Beispiel die ganze Dimension menschlicher Leere aufgeblättert, die eine ach so „freiheitliche“ Marktgesellschaft mit all ihren falschen Verheißungen für all jene Individuen bedeutet, die ihre Logik des sich selbst verwertenden Werts nicht in Frage stellen.

Das große Verdienst der filmischen Adaption besteht darin, mittels des Brechtschen Verfremdungseffekts dem Zuschauer über die moralische Wertung der handelnden Figuren hinaus den gesellschaftlichen Wesenskern des Geschehens zu offenbaren und ihn somit der rationalen Kritik, Reflexion und bewussten Alternativbildung zugänglich zu machen.

So lässt sich erkennen, dass ein persönlich sinnstiftendes, überindividuell bedeutsames, menschliches Dasein entwickelt werden kann in kritischer Erkenntnis der eigenen Gesellschaftlichkeit, produktiver Anteilnahme mit Seinesgleichen und dem solidarischem Wirken für allseits menschenwürdige Lebensverhältnisse. Der Markt ist nicht das Ende der Geschichte. Die Menschheit hat besseres verdient. Heute mehr denn je. Freude sei der Maßstab des Gelingens.

Darum: International solidarisch – Schluss mit Austerität!

„Ja, renn nur nach dem Glück
doch renne nicht zu sehr!
Denn alle rennen nach dem Glück
Das Glück rennt hinterher.“
Bertolt Brecht, „Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“, 1928.

Den Flyer findet ihr hier auch als pdf.

Details

Datum:
März 2
Zeit:
18:00 - 22:00
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