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Filmseminar: The Killing Floor

16. November 2022 @ 20:00 - 23:30

(Spielfilm | Regie: B. Duke | USA 1984 | 118 Min. | OmU)

– Beginn ab 20 Uhr –


Solidarität oder Egoismus? Welches Prinzip Vorrang erlangt in der Beantwortung wachsender gesellschaftlicher Widersprüche, das ist hochgradig umstritten und immer wieder neu zu entscheiden – im globalen Maßstab, im lokal begrenzten Rahmen wie auch in der Spezifik der je persönlichen Vergesellschaftung. 

Eine solidarische Handlungsweise ist dem Menschen gemäß. In einer Gesellschaft jedoch, in der einige ganz Wenige über die Mittel verfügen, sich den immensen gesellschaftlichen Reichtum privat anzueignen, den der übergroße Rest der Menschheit stetig erweitert schafft, wird einem tagtäglich das Gegenteil nahegelegt. Die notwendige Aufhebung dieses Widerspruchs zugunsten einer solidarischen Gesellschaft ist der entscheidende Beweger für die geschichtliche Herausbildung der organisierten Arbeiterbewegung. Das Verständnis der subjektiven wie materiellen Grundlagen, Voraussetzungen und Schwierigkeiten dieser Herausbildung ist von unverzichtbarer Bedeutung für die Entwicklung und Verallgemeinerung solidarischer Handlungsweisen heute. 

Der von einem Team um die US-Filmemacherin und Friedensaktivistin Elsa Rassbach erarbeitete Spielfilm „The Killing Floor“ vermittelt ein solches Verständnis auf eindrucksvoll anschauliche und bewegende Weise. 

Er schildert – basierend auf historisch-verbrieften Dokumenten – die Kämpfe der Arbeiter:innen in den großen Schlachtfabriken Chicagos während des Ersten Weltkriegs, die in der Folge zur Entstehung der ersten Gewerkschaften führten, denen es gelang, die „Rassenschranken“ zu überwinden und die später, zu Beginn der 1930er-Jahre, einen entscheidenden Anteil daran haben sollten, dass die Weltwirtschaftskrise in den USA nicht faschistisch, sondern mit der weitreichenden sozialen Transformation des „New Deal“ beantwortet werden konnte. 

Die Entwicklung der Hauptfigur Frank Custer bildet dabei den Fokus für die Reflektion grundlegender Zusammenhänge von verallgemeinerungswürdiger Bedeutung. Als schwarzer Landarbeiter aus dem Süden kommt er nach Chicago auf der Suche nach einem besseren 

Leben und findet Arbeit in den Fleischfabriken, die wegen der Kriegsnotlage und der nötigen Truppenversorgung händeringend Arbeiter suchen. Als er sich aufgrund der widrigen Arbeitsbedingungen und der alltäglichen, rassistischen Entwürdigungen der zunächst vornehmlich von Weißen gebildeten Gewerkschaft anschließt, entdeckt er schrittweise die Gemeinsamkeiten, die ihn mit den irisch-, polnisch-, litauisch- und deutschstämmigen Arbeitern verbinden. Zugleich muss er sich jedoch mit dem wachsenden Misstrauen seiner „eigenen“ Leute auseinandersetzen, das mit jedem Erfolg wächst, den die einander näherkommenden Kampfgefährten gegen die Fabrikbosse erzielen. 

Als der Krieg endet, kehren Abertausende schwarze und weiße arbeitssuchende Kriegsveteranen heim. Die Bosse, welche die Unterzeichnung eines Gewerkschaftsvertrags noch verweigern, entlassen die besonders Aufmüpfigen, stellen die neu eingewanderten Schwarzen ein und schüren hierdurch gezielt die Ressentiments der Anhänger einer weißen Vorherrschaft, bis hin zu einer regelrechten Pogromstimmung, die letztlich in den tödlichen „Race Riots“ 1919 gipfelt. Es wird nun lebensgefährlich für Schwarze, durch die weißen Nachbarschaften zur Arbeit in den Schlachthöfen zu laufen. Als schließlich die hungernden schwarzen Arbeiter unter Schutz der Miliz als Streikbrecher eingesetzt werden sollen, sind es die trotz aller Hetze in freundschaftlichem Kontakt verbliebenen Gewerkschafter, denen es gelingt, das drohende Blutbad abzuwenden und die Erkenntnisse und Kräfte für den solidarisch zu führenden Kampf erneut zu bündeln. Die mühsam gepflanzte Saat wird nur 15 Jahre später blühen, als in den 1930ern schwarze und weiße Arbeiter:innen gemeinsam die Schlachthof-Bosse zwingen, ihre mächtige neue Gewerkschaft anzuerkennen und den Gewerkschaftsvertrag zu unterzeichnen. 

Die Quintessenz des Films ist eine Erkenntnis von höchstaktueller Relevanz. Bei allen (offenkundigen) Unterschieden besteht eine fundamentale Gleichheit zwischen allen Nicht-Fabrikbesitzern: in dem gemeinsamen Interesse der Verwirklichung von Arbeits- und Lebensbedingungen, in denen jede:r gleichermaßen in den Genuss der reichhaltigen, produktiven Hervorbringungen der gemeinschaftlich-menschlichen Schaffenskraft kommt. Demgemäß zu handeln, schafft Sinn, Freu(n)de und Zuversicht. Aus der Geschichte lässt sich lernen. 

Darum: Brot, Frieden, Würde – jetzt!
International solidarisch: Schluss mit Austerität.

„Und weil der Mensch ein Mensch ist,
drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern!
Er will unter sich keinen Sklaven sehn,
und über sich keinen Herrn.“
Bertolt Brecht, „Einheitsfrontlied“, 1934. 

 

Filmbeschreibung der Produktionsfirma: 

Der Schauplatz dieses preisgekrönten Spielfilms ist Chicago zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Der Film schildert in akribisch recherchierten Details den Kampf schwarzer Migranten aus den Südstaaten sowie deutscher und osteuropäischer Einwanderer um die Bildung einer gemeinsamen Gewerkschaft – trotz wachsender rassistischer Spannungen, die 1919 in den Chicagoer „Race Riot“ gipfelten. In dem hervorragenden Schauspielerensemble spielen Damien Leake und Ernest Rayford zwei schwarze Sharecropper, die gemeinsam aus dem Süden fliehen, um dann in einem Schlachthof in Chicago gegeneinander ausgespielt zu werden, als sich einer von ihnen mit der von Weißen geführten Gewerkschaft zusammenschließt, der sein Freund misstraut. 

Inspiriert durch ihre Erfahrungen als Filmstudentin/Aktivistin in Berlin der 1968er Jahre, entwickelte Elsa Rassbach ab 1973 eine Reihe von zehn historischen Spielfilmen zur US-Arbeiter*innen-Geschichte für das öffentlich-rechtliche US-Fernsehen mit Unterstützung von führenden Historiker*innen und Stiftungen. „The Killing Floor“ sollte der Pilotfilm werden. Rassbach entdeckte die Figuren und Handlungen in historischen Archiven, konzipierte die faktenbasierte Geschichte, und arbeitete mit dem schwarzen Dramatiker Leslie Lee am Drehbuch. Erst 1983, auf dem Höhepunkt der Bemühungen von US-Präsident Reagan, die US-Gewerkschaften zu zerschlagen, gelang ihr die Finanzierung der Drehkosten: Einzigartig in der Geschichte der US-Medien haben mehr als 40 Gewerkschaften das Projekt durch Spenden mitfinanziert. 

Für die Dreharbeiten holte Rassbach den schwarzen Schauspieler/Fernsehregisseur Bill Duke ins Team, der mit dem Stoff seinen ersten abendfüllenden Film inszenierte. Danach arbeitete sie mit dem bekannten schwarzen Cutter, John Carter. Die landesweite prime time US-Fernsehpremiere 1984 war ein Erfolg und gewann 1985 einen Sundance Filmfestival Preis. 2019 stellten Rassbach und die UCLA die 4K-Restaurierung für die US-Kinopremiere fertig, die in US-Kinos um die Zeit der Ermordung von George Floyd erschien. Der Film wurde auch bei den Cannes Classics 2021 gezeigt und ist 2022 erstmalig nach Deutschland gekommen. 

Offizielle Webseite mit Trailer (OmU): http://www.the-killing-floor.com

Den Flyer findet ihr hier auch als pdf.

 

Details

Datum:
16. November 2022
Zeit:
20:00 - 23:30
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