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Filmseminar: Niemandsland

September 23 @ 20:00 - 23:30

(Spielfilm | Regie: Victor Trivas | D 1931 | 93 Min. | deu)


„Werdet wehrhaft, der Russe kommt!“ – Mit dieser politisch-medial geschürten, kollektiven Hysterie wird aktuell nicht nur eine hierzulande nie dagewesene Aushebelung sozialstaatlicher und demokratischer Errungenschaften zu legitimieren versucht. Es soll damit auch ein Krieg führbar gemacht werden, bei dem es mit Ausnahme der Rüstungsindustrie(n) keine Gewinner geben kann. Diesem Zweck dient auch die NATO-Übung „Red Storm Charlie“, mit der die Bevölkerung der internationalen Welthandels- und Hafenstadt Hamburg zum Teil der globalen Eskalationsspirale gemacht werden soll. (Ja, auch die demonstrative „Verteidigungsfähigkeit“ reproduziert das Feindbild-Denken und signalisiert dem „Gegner“, dass man den Krieg erwartet.) Wer dieser Logik folgt, muss sich über den Aufstieg extrem nationalistischer Kräfte (hüben wie drüben) nicht wundern. Muss man tatsächlich erneut die Geschichte bemühen, um zu verdeutlichen, dass es ganz anders geht? Man muss.

Kaum ein Leinwandwerk erscheint dazu besser geeignet, als der 1931 von Victor Trivas veröffentlichte und später von den Nazis verbotene Film „Niemandsland“.

Schon durch die bewusst eingesetzte Montagetechnik zu Beginn des mit der Musik von Hanns Eisler und dem Gesang von Ernst Busch untermalten, nur sparsam nachsynchronisierten Stummfilms wird dem Zuschauer deutlich, was die Protagonisten erst im Laufe des Krieges begreifen lernen: die Lebensumstände des französischen Fabrikarbeiters Charles, des britischen Offiziers (ebenfalls mit Namen Charles), des deutschen Tischlers Emil, des heimatlosen jüdischen Schneiders Lewin und des afroamerikanischen Varieté-Tänzers Joe ähneln sich – bei allen Unterschieden – auf frappierende Weise. Sie alle sind bemüht, sich bzw. ihren Familien und Freunden unter mehr oder weniger widrigen Bedingungen ein besseres Leben zu ermöglichen.

Der Krieg entreißt sie ihren Lebenswegen, wirft sie in ein zunächst umjubeltes System des Gleichschritts für die vermeintlich „höhere Sache“, führt ihre Familien in Not und sie in den Überlebenskampf gegeneinander. Im Niemandsland zwischen den Fronten begegnen sie sich. Durch den vielsprachigen Joe und den stumm gewordenen Lewin gelingt es ihnen, nicht nur ihre Uniformen und Sprachen als Barrieren zu überwinden, sondern auch die Lügen, mit denen ihnen eingeredet wurde, sie seien einander Feinde. So erkennen sie ihr gemeinsames Interesse daran, gegen die Urheber ihrer Verfeindung vorzugehen und den Krieg zu beenden.

Gespeist aus den millionenfachen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs zeigt der von den ästhetischen Mitteln des sowjetischen Avantgarde-Films inspirierte, zum Kammerspiel übergehende und dramaturgisch eindrucksvoll erzählte Film eine einfache Wahrheit mit revolutionärem Gehalt, die zur Kriegsvorbereitung präventiv zu unterdrücken versucht wird: Diejenigen, die sich an der Front gegenüberstehen, haben mit dem jeweiligen „Feind“ viel mehr gemein als mit jenen, die sie im Namen der „nationalen Sache“ dorthin bringen, um sich zuhause am gegenseitigen Morden eine goldene Nase zu verdienen.

So vermittelt der Film die historisch-fundierte, hochaktuelle Erkenntnis, dass Frieden, soziale Gleichheit und tatsächliche Demokratie zu verwirklichen sind, indem die massenhaft Aufeinandergehetztsein-Sollenden ihre grenzenüberschreitenden Gemeinsamkeiten erkennen, das „Teile und Herrsche“-Prinzip grundlegend in Frage stellen und in solidarisch-engagierter Aktion den jeweiligen, gewaltsam-kooperierenden Profiteuren der globalen Ungleichheit das Handwerk legen.

So ist aus der Geschichte zu lernen. Hamburg sollte gemäß seiner Verfassung (1952) seine „durch Geschichte und Lage zugewiesene, besondere Aufgabe gegenüber dem deutschen Volke erfüllen“ und „im Geiste des Friedens eine Mittlerin zwischen allen Erdteilen und Völkern der Welt sein.“

Heute erst recht: International solidarisch – Schluss mit Austerität!

Wenn es zum Marschieren kommt, wissen viele nicht,
daß ihr Feind an ihrer Spitze marschiert.
Die Stimme, die sie kommandiert, ist die Stimme des Feindes.
Der da vom Feind spricht, ist selber der Feind.“

Bertolt Brecht, „Deutsche Kriegsfibel“, 1936/37.

Details

  • Datum: September 23
  • Zeit:
    20:00 - 23:30
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