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Filmseminar: Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?

Oktober 19 @ 20:00 - 23:30

(Spielfilm | Regie: S. Dudow/B. Brecht | D 1932 | 74 Min. | deu)

– Beginn ab 20 Uhr –


Ein Film von Slatan Dudow und Bertolt Brecht (D, 1932)

Was tun, wenn die gesellschaftliche Entwicklung immer krisenhafter wird und die soziokulturellen Lebensgrundlagen zunehmend in Frage stehen? Sich schicksalsergeben in der Illusion einrichten, dass man dem Schlimmsten schon entgehen könne oder sich mit Seinesgleichen zusammentun, um für eine grundlegend menschlichere Welt zu streiten?

Diese sich prinzipiell entgegenstehenden Entwicklungsoptionen beleuchtet der 1932 vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise entstandene Film „Kuhle Wampe“.

Mit den zur damaligen Zeit filmästhetisch bahnbrechenden Mitteln des proletarischen Realismus wird darin nicht nur auf eindrucksvolle Weise die Lebenswirklichkeit der bereits auf über 6 Millionen angewachsenen großen Zahl der Arbeitslosen in Deutschland geschildert, sondern am Beispiel der handlungsleitenden Hauptfigur Anni auch eine Möglichkeit zur Überwindung des Elends skizziert.

Der in acht Akten erzählte, und von eingeschobenen Bildmontagen (untermalt mit der Musik von Hanns Eisler) szenisch-deutend ergänzte Film beginnt mit der frühmorgendlichen Jagd nach Arbeit, von der Annis Bruder erfolglos heimkehrt und sich nach Vorhaltungen der verzweifelten Eltern, die eben erfahren haben, dass die Brüningsche Reichsregierung die Unterstützung arbeitsloser Jugendlicher gestrichen hat, das Leben nimmt. Nachdem die mittellose Familie wegen Mietrückständen aus ihrer Wohnung geschmissen wird, kommt sie bei Annis Freund Fritz (Ernst Busch) in der Zeltkolonie „Kuhle Wampe“ unter. Hier geht es – ganz nach Geschmack der Eltern – kleinbürgerlich-spießig zu. Das verdrängte Elend kehrt jedoch schnell zurück. Als Anni ungewollt schwanger wird, sich eine (illegale) Abtreibung nicht leisten kann und Fritz nur widerwillig einer Verlobung zustimmt, nimmt sie Reißaus zu ihrer Freundin Gerda, die im Arbeitersportverein aktiv ist. Hier eröffnet sich Anni eine bisher unbekannte, neue Welt: die der Solidarität im gemeinsamen Wirken für eine bessere Welt. Im Rahmen des spielerisch-sportlichen Wettbewerbs, der im wesentlichen als Anlass dient für umfänglichste kulturelle und politische Bildungs- und Aufklärungsaktivitäten, entwickeln die so assoziierten Entrechteten und Ausgebeuteten die Klugheit, den Mut und das erkenntnisgeleitete Selbstbewusstsein, dass es allein von ihrem kämpferischen Tun abhängt, ob die Welt eine menschenwürdige werden kann oder nicht. Dieser Emanzipationsprozess findet seine sinnbildliche Verdichtung in der Schlussszene des Films, in der die Arbeiter:innen in der S-Bahn mit allerlei versammelten (klein-)bürgerlichen Sonntagsausflügler:innen über das Wesen der Krise und ihre Überwindbarkeit diskutieren.

Dieser zweifellos „agitatorische“, also im besten Sinne des Wortes aufrührerische Charakter des Films war den Stützen der reichsdeutschen Gesellschaft weimarscher Prägung so sehr ein Dorn im Auge, dass sie – „staatszersetzende Tendenzen“ unterstellend – das Werk mittels zensorischer Eingriffe zurechtstutzen und mit Aufführungsverboten belegen ließen. Nach mehreren Prozessen gelangte es 1932 in einer bereits entschärften Fassung dennoch zur erfolgreichen Aufführung in mehreren deutschen und europäischen Kinos, bevor die zur Macht gelangten Faschisten es gänzlich verboten. Die Auseinandersetzung mit den Zensurbehörden bietet an sich bereits Stoff genug für einen eigenständigen Film. Ein solcher wurde 1973 in der DDR realisiert inklusive einer Nachinszenierung der gestrichenen Szenen, die u.a. die Kritik an der Notstandsgesetzgebung, der voreingenommenen Justiz, dem Gesetz zum Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen (§ 218) der religiös verbrämten Sittenmoral im Kontrast zur arbeiterbewegten Nacktbadekultur und einen Aufruf zum Widerstand gegen Wohnungsräumungen betreffen.

Aber auch die restaurierte Fassung des Originalwerks, der die inkriminierten Sequenzen leider fehlen, entfaltet seine unmissverständliche Wirkung von hochaktueller Brisanz: eine bessere Welt ist möglich. Das solidarische Wirken dafür ist die sinnstiftende Alternative zur dumpfen Duldsamkeit. Niemand muss verzweifeln!

Darum: International solidarisch – Schluss mit Austerität!

„Vorwärts und nicht vergessen
und die Frage konkret gestellt
beim Hungern und beim Essen:
Wessen Morgen ist der Morgen?
Wessen Welt ist die Welt?“
Bertolt Brecht, „Solidaritätslied“, geschrieben 1931 für den Film „Kuhle Wampe“.

Den Flyer findet ihr hier auch als pdf.

Details

Datum:
Oktober 19
Zeit:
20:00 - 23:30
Veranstaltungskategorie:

Veranstaltungsort

Anna-Siemsen-Hörsaal
Von-Melle-Park 8
Hamburg, 20146 Deutschland
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