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Filmseminar: Klassenverhältnisse

Februar 10 @ 18:00 - 22:00

(Spielfilm | Regie: D. Huillet & J.-M. Straub | F/D 1984 | 126 Min. | deu)

Die Veranstaltung findet am Mittwoch, den 10. Februar 2021 statt und beginnt um 18 Uhr im Abaton Kino (Allende-Platz 3). Im Anschluss wird es wie immer Gelegenheit zur Diskussion geben. Das Filmseminar gegen Austerität wird als studentisches Seminar organisiert. Zur Teilnahme bitten wir um eine kurze Anmeldung per Mail an kontakt@schluss-mit-austeritaet.de. 


„Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht.“ So beginnt Franz Kafkas posthum veröffentlichter, Fragment gebliebener Roman „Amerika“ – eine eindringliche Geschichte von der quälenden Suche nach dem guten Leben in der Fremde und einer Gesellschaft, die unter warmherzig klingenden Worten und Werten ihre kalte Geschäftstüchtigkeit verbirgt.

Als Karl, noch auf dem Schiff, sich glücklos für das Recht eines degradierten Heizers einsetzt, trifft er seinen reichen Onkel Jakob, der ihn fortan protegiert, aber, um sein Ansehen besorgt, ebenso streng reglementiert. Wegen eines mißliebigen Besuchs bei ebenso reichen und unzugänglichen Geschäftsfreunden des Onkels auf die Straße gesetzt, zieht Roßmann mit Landstreichern davon und findet Anstellung in einem Hotel. Als diese ihm jedoch wegen eines Zwischenfalls mit den falschen Freunden gekündigt wird, landet er ohne Geld auf der Straße und nimmt, um der Polizei zu entgehen, einen sklavischen Lakaiendienst bei einer jähzornigen Sängerin an. Die Flucht aus dem Privatgefängnis endet schließlich beim Naturtheater von Oklahoma, das jeden nimmt, egal wie elendig er sein mag. Das Ende der Geschichte ist bei Kafka bewusst offen gehalten, wenngleich das Naturtheater einige Ähnlichkeit mit dem „göttlichen Gericht“ aufweist.

Die Menschen, denen Karl Roßmann auf seiner Odyssee begegnet, bleiben dem stets freundlich-aufrichtigen, unbedarft gutmütigen, jungen Auswanderer auf erschütternde Weise fremd. Obwohl nicht wenige es sogar gut mit ihm zu meinen scheinen, leben sie buchstäblich in einer anderen Welt:

Wo wie in „Amerika“ das Versprechen gilt, dass das Glück jeden ereile, der sich nur ausreichend bemüht, da liegt Demut näher als Gerechtigkeitssinn, da erscheint Selbstbezogenheit vorteilhafter als produktive Anteilnahme, da ist Opportunität erwünschter als Rechtschaffenheit, da erweckt Mittellosigkeit mehr Verdacht als Reichtum, da gibt es Leutseligkeit nie ohne Hintergedanken, da sind soziale Regeln nur jenen bekannt, die sie auf andere anzuwenden die Macht haben, da entscheidet die Anstellung eines Menschen über die Stellung eines Menschen, da ist Geschäftigkeit angesehener als Arbeit. Da bestimmen die Verhältnisse den Menschen und nicht der Mensch die Verhältnisse.

In dem Maße wie für Karl Roßmann das Wesen jener gesetzmäßig eingerichteten Ordnung stets unergründlich bleibt und so sein Martyrium schicksalsgleich seinen Lauf nimmt, wird es dem Lesenden gerade kenntlich gemacht. Darin besteht die aufrührerische Großartigkeit der Kafkaschen Schreibkunst. Das reale Elend der allumfassenden menschlichen Entfremdung zu überwinden ist die Absicht, in die der Leser als Komplize eingeführt wird. Daraus bezieht auch die filmische Umsetzung unter dem Titel „Klassenverhältnisse“ ihre bahnbrechende Wirkung. Mittels einer eigenständig kunstvollen, kafkaesken Sprachästhetik, die an den Brechtschen Verfremdungseffekt angelehnt ist, wird das Romangeschehen als eines gezeigt, das jedem, überall und zu jeder Zeit persönlich erfahrbar ist. Ganz bewusst und dabei kaum wahrnehmbar ist daher auch die Szenerie, die im New York um 1900 angesiedelt ist, komplett im Hamburg von 1984 gedreht.

Auf diese Weise erwächst aus der tragischen Schilderung einer systemischen Unmenschlichkeit mit jeder Begebenheit dem empathischen Betrachter die unwiderleglich heilsame, bewegende und mitunter gar heitere Erkenntnis: es geht auch ganz anders! Eine Welt, in der der Mensch dem Menschen ein Freund ist, ist möglich. Solidarität ist ein menschliches Bedürfnis. Sympathie kennt keine Grenzen. Oft beginnt sie mit einem offen gesprochenen Wort. Nicht selten beinhaltet das ein persönliches NEIN zu gemeinsamem Leid. Niemand muss verzweifeln. Hoffnung, Zuversicht und Lebensfreude haben da ihren Platz, wo wir ihn schaffen. Der Mensch wächst mit seinen höheren Zwecken.

Auch darum: International solidarisch – Schluss mit Austerität!

„Wo hätte er wohl wohnen müssen, wenn er als armer Einwanderer ans Land gestiegen wäre? Ja, vielleicht hätte man ihn, was der Onkel nach seiner Kenntnis der Einwanderungsgesetze sogar für sehr wahrscheinlich hielt, gar nicht in die Vereinigten Staaten eingelassen, sondern ihn nach Hause geschickt, ohne sich weiter darum zu kümmern, daß er keine Heimat mehr hatte.“ Franz Kafka, „Amerika“, entstanden um 1912.

Den Flyer findet ihr hier auch als pdf.

Details

Datum:
Februar 10
Zeit:
18:00 - 22:00
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