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Filmseminar: Julius Caesar
Februar 5 @ 20:00 - 23:30
(Spielfilm | Regie: Joseph L. Mankiewicz | USA 1953 | 120 Min. | deu)
Demokratische Gestaltung eines humanen Gemeinwesens durch die Vielen oder autoritäre Willkürherrschaft der Wenigen? Dieser fundamentale gesellschaftliche Entwicklungskonflikt verläuft nicht, wie landläufig propagiert, entlang von Landesgrenzen. Es ist vielmehr der akut zur Entscheidung drängende Widerspruch der globalen Zivilisationsentwicklung insgesamt und findet somit auch seine Entsprechung in den inneren Auseinandersetzungen eines jeden Landes. Seit 1990 beweist der vorläufig „siegreiche“ Kapitalismus in jeder Hinsicht tagtäglich mehr, dass er nicht das postulierte „Ende der Geschichte“ sein kann. Das hält seine wenigen milliardenschweren Profiteure (s. Musk/Trump) jedoch nicht davon ab, ihn umso mehr zu diesem machen zu wollen. Die menschliche Gattung ist, um ihrer tatsächlichen historischen Selbstverwirklichung willen, gehalten, dieses Joch nachhaltig abzustreifen. Dafür kann sie auf mehrtausendjährige Erfahrungen und Erkenntnisse zurückgreifen, in denen diese grundlegende Kontroverse künstlerisch-ästhetisch, philosophisch-kategorial und historisch-materiell verarbeitet worden ist.
Einen wahren Meilenstein in diesem Sinne bildet das 1599 erstaufgeführte Drama „Julius Cäsar“ von William Shakespeare. In der Phase des an inneren Widersprüchen krankenden, aufgeklärten Absolutismus der britischen Regentin Elisabeth I. reflektiert der Dichter in seinem bis dahin politisch aufrührerischsten Stück (eine einzelne Aufführung im Londoner Globe Theatre erreichte nahezu 3% der gesamten Stadtbevölkerung) die Voraussetzungen, Möglichkeiten und Grenzen eines Umsturzes der herrschenden Ordnung zugunsten eines wahrhaft humanen, republikanisch gestalteten Gemeinwesens. Dazu arbeitet er den bereits damals weitbekannten, historischen Stoff der „Verschwörung“ um Brutus und Cassius gegen Julius Cäsar auf und gibt ihm eine aktuell-revolutionäre Deutung.
Als Konsul im antiken Rom genießt Cäsar aufgrund zahlreicher Eroberungen, geschickter Inszenierungen und sozialer Wohltaten großes Vertrauen im Volk und plant, dieses für die Ausschaltung des Senats und die Errichtung einer diktatorischen Alleinherrschaft zu nutzen. Cassius – als Senator überzeugter Anhänger der Republik – ist diese Entwicklung zuwider. Als Machtmensch durchschaut er auch die inneren Schwächen Cäsars und seiner Pläne und sammelt einen Kreis von Widerständigen um sich, dem sich auch der zunächst zögernde, aber umso tiefer von der Notwendigkeit einer demokratischen Umwälzung überzeugte Brutus anschließt. Am Tag der geplanten Krönungszeremonie töten sie Cäsar im Senat und Brutus legt dem Volk in einem öffentlichen Plädoyer für die egalitäre Selbstherrschaft der vernunftbegabten Bürger eines freien Roms die Macht in die Hand. Die folgende Grabrede des Marcus Antonius, ergebenster Anhänger des Julius Cäsars, wendet jedoch die Entwicklung fundamental. Mit seiner an rhetorischer Perfidie, emotionalisierender Manipulation und populistischer Demagogik kaum zu übertreffenden Ansprache gelingt es Marcus Antonius, das soeben befreite Volk gegen die „Verschwörer“ aufzuhetzen und sich als blutrünstiger Tyrann an die Spitze der so heraufbeschworenen Gewaltherrschaft zu stellen. Im folgenden Bürgerkrieg behält er die Oberhand über die Befreiungsarmeen Brutus‘ und Cassius‘, die sich schließlich geschlagen in das Schwert ihrer Gefolgsleute stürzen.
Dieses Scheitern im Stück ist jedoch keineswegs als Wertung Shakespeares über die Verfehltheit der Aufständischen und ihrer Motive zu deuten. Im Gegenteil: die dramatische Anlage hat eine fundamental aufklärerische Wirkung. Anhand der widerspruchsreichen Entwicklung der Protagonist:innen und ihres nachdrücklich vor Augen geführten Widerhalls im Volk lassen sich umso tiefgreifendere, überzeitlich relevante Erkenntnisse dafür bilden, welche Voraussetzungen geistig-materieller Natur dafür zu schaffen sind, damit die Befreiung der Menschheit von jeglicher Knechtschaft nachhaltig gelingen kann. Die kongeniale Verfilmung zur Hochphase des McCarthy-Regimes in den USA tut dazu ihr übriges. Ein intellektuell-aufrührerischer Hochgenuss. Wer aus der Geschichte lernt, hat eine Welt zu gewinnen.
International solidarisch – Schluss mit Austerität!
„Kein Despotenfuß vermag festen und sichern Trittes auf einen Nacken zu treten, als nur auf denjenigen, der sich selbst unter ihm in den Staub auf eine Menschen unwürdige Weise hinabdrückt. Siegreich und triumphierend wird meistens derjenige seine geistigen und leiblichen Sklavenfesseln zersprengen, der sich fest und unerschütterlich vornimmt: Ich will sie zersprengen.“ Gottfried August Bürger, „Ermunterung zur Freiheit“, 1. Februar 1790.