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Filmseminar: Innocence

Juni 12 @ 21:00 - 23:30

(Doku | Regie: Guy Davidi | ISR/DK/FIN/ISL 2022 | 100 Min. | OmU)

Wir schauen und diskutieren zusammen den Film Innocence von Guy Davidi aus dem Jahr 2022 über die Militarisierung Israels – ein überzeugendes Plädoyer dafür, dass die vordringlichste Aufgabe der Zeit darin besteht, endlich Frieden zu schaffen, d.h. nachdrücklich für Verhältnisse zu wirken, in denen der Mensch dem Menschen ein Freund ist. 

Wir freuen uns, dass der Film vom Regisseur selbst eingeführt wird und wir die Gelegenheit haben werden, das Gesehene mit ihm zu diskutieren.


Was bedeutet es, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, die den Krieg zum Normalzustand erklärt hat? Diese Frage sollte sich eigentlich nach 1945 niemand mehr stellen müssen. Als Konsequenz aus Faschismus und Weltkrieg wurden das unbedingte Friedensgebot, der Gewaltverzicht in den internationalen Beziehungen, die Pflicht zur zivilen Konfliktregulierung, das Recht auf Verweigerung des Kriegsdienstes und das Verbot von „Reden und Handlungen, die geeignet sind, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören“ als oberste Grundsätze in den völkerrechtlichen Statuten der Vereinten Nationen und im deutschen Grundgesetz verankert, um die Menschheit von der Geißel des Krieges zu befreien. Da der staatlich beauftragte Mord jedoch für einige Wenige ein profitables Geschäft ist, werden auch hierzulande einige Unverbesserliche nicht müde, erneut die „Kriegstauglichkeit“ der Bevölkerung zu propagieren, als handele es sich dabei um ein legitimes oder gar anstrebenswertes Ziel. Was das im Ergebnis bedeutet, lässt sich seit Jahrzehnten in Israel beobachten, wohin die deutsche Bundesregierung noch immer Waffen liefert, obwohl längst bekannt ist, dass seine extrem rechte Regierung damit schwerste Kriegsverbrechen an der palästinensischen Zivilbevölkerung verübt. Doch auch in Israel gibt es Menschen, die sich dem normalisierten Wahnsinn entschieden entgegenstellen. Einer von ihnen ist der in Jaffa geborene Filmemacher Guy Davidi.

In seinem jüngsten Dokumentarfilm „Innocence“ hält er in aufrüttelnd-poetischer Weise einer Gesellschaft den Spiegel vor, in der das Militär zu einer identitätsstiftenden Institution gemacht wurde und zeigt, welche Schäden eine solche Pervertierung humaner Maßstäbe anrichtet.

Er stellt anhand persönlicher Beispiele und Erlebnisberichte dar, wie Kinder und Jugendliche schon von klein auf systematisch im „tugendhaften“ Geist des späteren Dienstes an der Waffe erzogen werden sollen: Malstunden und Kriegsspielzeug im Kindergarten, Alarmübungen und Waffenmessen in der Grundschule, Kriegsfilme, Gedenkakte und militärische Feriencamps in der weiterführenden Schule sowie der obligatorische Besuch einer KZ-Gedenkstätte vor der Einberufung zum Grundwehrdienst, der verpflichtend 24 Monate für Mädchen und 30 Monate für Jungen dauert und die Ausbildung an schweren Schusswaffen sowie regelhafte Kriegseinsätze in den besetzten Palästinensergebieten beinhaltet. Dies alles soll den Eindruck vermitteln, dass wer nicht bereit ist, zu töten oder sein Leben aufs Spiel zu setzen, kein akzeptiertes Mitglied der Gesellschaft sein könne oder gar Verrat beginge an seiner Familie, seinem Land, seinen jüdischen Wurzeln und den Opfern des Holocaust.

Dass unter diesem Druck der Selbstmord die häufigste Todesursache unter israelischen Soldat:innen jenseits des Kriegseinsatzes darstellt, nimmt wenig Wunder und ist zugleich die schwerwiegendste Verurteilung einer Armee, die sich selbst als die „moralischste“ der Welt bezeichnet.

Sensibel ausgewählte Briefe, Zeichnungen und Gedichte von Jugendlichen, die sich vor bzw. während ihres Militärdienstes das Leben nahmen, bilden den eindringlichen Erzählrahmen des Films. Es sind Dokumente des verzweifelten Ringens um Menschlichkeit in einem zutiefst inhumanen System. Durch ihren kritischen und hochreflektierten persönlichen Ausdruck richten sie den Blick wie ein Brennglas auf alles, was eine militarisierte Gesellschaft überwindenswert macht. Auf diese Weise wird die filmische Erzählung zu einem überzeugenden Plädoyer dafür, dass die vordringlichste Aufgabe der Zeit darin besteht, endlich Frieden zu schaffen, d.h. nachdrücklich für Verhältnisse zu wirken, in denen der Mensch dem Menschen ein Freund ist.

Alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens – Kita, Schule und Hochschule, private Betriebe und öffentliche Einrichtungen, Gewerkschaften, Verbände, Vereine und Parteien, Beruf, Alltag und Freizeit – erlangen mit dem je persönlichen und gemeinschaftlichen Engagement für eine zivile, solidarische und menschenwürdige Entwicklung der Welt ihre überindividuell sinnhafte Bestimmung.

Der Mensch verwirklicht sich, indem er aus der Geschichte lernt, diese bewusst mit Seinesgleichen nach Maßgabe der Schönheit zu gestalten. Das Leben gewinnt, indem die Waffen zum Schweigen gebracht werden.

Darum: Brot, Frieden, Würde – jetzt! International solidarisch: Schluss mit Austerität.

„Ich sage Ihnen, ich habe es satt, tugendhaft zu sein, weil nichts klappt, entsagungsvoll, weil ein unnötiger Mangel herrscht, fleißig wie eine Biene, weil es an Organisation fehlt, tapfer, weil mein Regime mich in Kriege verwickelt. Kalle, Mensch, Freund, ich habe alle Tugenden satt und weigere mich, ein Held zu sein.“
Bertolt Brecht, „Flüchtlingsgespräche“, entstanden im Exil der 1940er Jahre.

Den Flyer findet ihr hier als [pdf],

 

 

Details

Datum:
Juni 12
Zeit:
21:00 - 23:30
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