- Diese Veranstaltung hat bereits stattgefunden.
Filmseminar: Fünf Patronenhülsen
(Spielfilm | Regie: Frank Beyer | DDR 1960 | 88 Min. | deu)
Die Menschheit befindet sich in einer historischen Entscheidungssituation: Die Frage, inwiefern es angesichts der von extrem rechten Kräften forcierten, autoritären Zuspitzung von Ausbeutung, Konkurrenz, sozialer Ungleichheit, Elend und Krieg gelingt, zu einer neuen Qualität international solidarischer, ziviler, nachhaltig demokratischer und humaner Entwicklung im Weltmaßstab zu kommen, ist gesellschaftlich und je persönlich mit neuer Klarheit gestellt. Zu ihrer Beantwortung hilft ein Blick in die Geschichte. Vor 90 Jahren putschten konservativ-reaktionäre Militärs unter Francisco Franco mithilfe des deutschen und italienischen Faschismus, unterstützt von einheimischen Industriellenverbänden, Großgrundbesitzern, Kirche und Royalität, gegen die junge spanische Republik, die von einem Bündnis aus Kommunisten, Sozialisten und Liberaldemokraten getragen wurde. Zur Verteidigung der gewählten „Volksfront“-Regierung und zur Ausweitung der republikanischen Entwicklung bildeten sich die „Internationalen Brigaden“ – Freiwilligenverbände von antifaschistischen Widerstandskämpfer:innen aus aller Welt, die in Spanien den Putschisten entgegentraten. Ihr Kampf bildete die Grundlage für die spätere Anti-Hitler-Koalition und die 1945 gelungene Befreiung von Faschismus und Weltkrieg.
Die radikal-humanistischen Grundlagen dieses beispielgebenden Wirkens bringt der 1960 produzierte DEFA-Film „Fünf Patronenhülsen“ von Frank Beyer so reflexiv-bewegend zur Anschauung wie kein zweiter.
Die filmische Erzählung begleitet eine Gruppe kommunistischer Freiwilliger bei ihrem herausfordernden Auftrag, ein republikanisches Bataillon zu decken, das sich wegen Wasser- und Nachschubmangel vor der vorrückenden faschistischen Armee zurückziehen muss. Als die Gruppe von den Franco-Truppen eingekesselt wird, wird sie auch von ihrem sowjetischen Funker getrennt. Daraufhin entscheidet der bereits schwer verwundete „Kommandeur“ Witting, dass die Suche nach dem Genossen Wasja oberste Priorität hat und übergibt den verbliebenen Fünf eine „Geheimnachricht“, die auf einem zerrissenen Zettel in fünf leere Patronenhülsen verteilt unbedingt den Bataillonsstab erreichen soll. Mit diesem Auftrag begeben sich der Pole Oleg, der Bulgarier Dimitri, der Deutsche Willi, der Franzose Pierre und der Spanier José in die Berge und es gelingt ihnen, den beinahe verdursteten Wasja aus den Händen der Guardia Civil zu befreien. Da die Faschisten alle Wasserstellen besetzt haben, droht auch ihnen der Hitzetod und die Konflikte, wie man mit dieser Lage umgeht, spitzen sich zu. Pierre, der die Sinnhaftigkeit ihres Auftrags beginnt anzuzweifeln, weil er nicht an eine Rettungsmission durch die Republikaner glaubt, setzt sich von der Gruppe ab und findet an einer Wasserstelle den Tod. Wasja kommt bei einer Rettungsaktion ebenfalls ums Leben. Den verbliebenen Vier gelingt mit Hilfe der in neuer Entschiedenheit solidarischen Republikaner die Flucht ans rettende Ufer und die Überbringung der Geheimnachricht. Sie enthält keine militärische Information, sondern die humanistisch-überzeugende, motivationale Quintessenz des gemeinschaftlich-kämpferischen Wirkens.
Unaufgeregt, dialogisch-tiefgründig und dezidiert antiheroisch erzählt, untermauert der Film kohärent diese hochaktuelle Kernaussage: der solidarische Kampf für das Leben und die Entfaltung eines jeden Einzelnen bildet eine untrennbare Einheit mit dem Kampf für eine Gesellschaft, in der der Mensch dem Menschen prinzipiell ein Freund ist. Diese radikal-egalitäre Praxis bedarf der stetigen, solidarischen Initiative. Sie hat mit Märtyrertum nichts zu tun, sondern ist in Haltung, Movens, Modus und Zweck die persönlich-bewegende, umfassend verallgemeinerbare Tatsache der Vermenschlichung selbst. Auf diese Weise kann eine neue Qualität der unumkehrbaren, prinzipiell gewaltfreien, dauerhaft erfreulichen, kooperativen Entfaltung des Menschseins in jeglicher Hinsicht gelingen. Ein:e Jede:r ist dabei gefragt.
Daher: International solidarisch – Schluss mit Austerität!
„Me-Ti sagte: Ein schlechtes Leben muss man mehr fürchten als den Tod. Ihr müsst vielleicht mitunter euer schlechtes Leben riskieren, um ein besseres zu gewinnen, aber den sicheren Tod sollt ihr niemals aufsuchen.“
Bertolt Brecht, „Me-ti. Buch der Wendungen“, entstanden im Exil der 1930er Jahre.