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Filmseminar: Falstaff

Juni 2 @ 18:00 - 22:00

(Spielfilm | Regie: O. Welles | E/CH 1965 | 119 Min. | deu)

Als nächstes zeigen wir den Film „Falstaff“ von Orson Welles aus dem Jahr 1965. Die Veranstaltung findet statt am Mittwoch, den 2. Juni und beginnt wieder um18 Uhr im Abaton Kino (Allende-Platz 3). Im Anschluss an den Film wird es wie immer Gelegenheit zur Diskussion geben. Das Filmseminar gegen Austerität wird als studentisches Seminar organisiert. Zur Teilnahme bitten wir um eine kurze Anmeldung per Mail an kontakt@schluss-mit-austeritaet.de


Heuchelei, Intrige, kaltblütige Machtpolitik, Verrat und Krieg – das ist der Stoff, aus dem die unmenschlichen Formen moderner Herrschaft geknüpft sind. In seinen Königsdramen (1595-1600) zeigt William Shakespeare mit sprachlicher Finesse und theatralisch-einprägsamer Darstellungskunst diese Grundzüge der sich gerade erst herausbildenden frühbürgerlichen Gesellschaft auf, um sie dem Massenpublikum seiner Zeit in weit darüber hinaus wirkender Klarsicht zur eigentätigen Überwindung anzuempfehlen. Literarischer Gegenstand sind dabei die blutrünstigen, historischen Ursprünge des aufgeklärt-feudalen Herrscherhauses der Tudors, wie es zu Shakespeares Zeiten im spätmittelalterlichen England waltete.

Die Narrenfiguren haben in diesen Stücken stets die Funktion, in unverfänglicher, teils derb-ironisierender Weise unliebsame Kritik ausdrückbar zu machen, die nur vom Standpunkt des Volkes in ihrer ganzen Tragweite erfasst werden kann. Während die Regenten sich dabei höchstens über die Unzulänglichkeiten ihrer Ahnen amüsieren können, wird den Niedergehaltenen die Überkommenheit ihres Beherrschtwerdens prinzipiell vor Augen geführt. Dem dient auch die Falstaff-Figur in der sogenannten Lancaster-Tetralogie über die Thronfolge-Kriege des frühen 15. Jahrhunderts.

König Heinrich IV. hat über einen Putsch den Thron usurpiert. Damit ist nicht nur das Gottesgnadentum des Herrscherhauses ad absurdum geführt sondern auch die verschiedenen Adelsparteien gegeneinander aufgebracht. Heinrich will, dass sein Sohn Hal, Prinz von Wales, ihm nachfolgt, die widerspenstigen Parteien militärisch unterwirft, die brüchige Macht sichert und das Reich durch einen Krieg gegen Frankreich eint. Dessen Sympathien gelten aber weniger den kalten Geschäften der Macht, als vielmehr den Abenteuern des volkstümlich-herzensguten Kleinritters Falstaff. Der friedliebende Lebemann und Genussmensch verkehrt mit den Taugenichtsen, Tagelöhnern und Zugehdamen in den Freudenhäusern, verdingt sich mit kleinen Gaunereien und hat für Ränke, Glanz und Gloria nur Hohn und Spott übrig.

Aus diesem Widerstreit gegensätzlicher Prinzipien hat Orson Welles 1965 einen filmischen Hochgenuss geschaffen, der nicht nur ein einzigartiges Verständnis für die visionäre Aktualität der Shakespeareschen Werke eröffnet, sondern mit der Figur des Falstaff auch der lebensbejahenden Menschenliebe als Grundhaltung und der aufkommenden Bewegung gegen den imperialistischen Krieg in Vietnam ein sympathetisches Monument setzt.

Falstaff sabotiert die heraufbeschworenen Metzeleien mit allen Mitteln der Kunst. Als Heinrich verstirbt und die Thronfolge ansteht, greift Prinz Hal doch nach der Macht – oder sie nach ihm? – und er verrät den Jugendfreund, der in der Folge an Gram stirbt. Es bleibt jedoch für den empathischen Betrachter ohne Zweifel, welche Lehren aus der gezeigten Unversöhnlichkeit zwischen Lebensfreude und militaristischer Staatsräson zu ziehen sein mögen.

Grandios inszeniert, herausragend gespielt (u.a. Jeanne Moreau, Margaret Rutherford, John Gielgud und Orson Welles selbst), urkomisch und wegweisend auch für einen heutigen Geist des Aufbegehrens.

Die produktive Entfaltung der vollen Gestaltungsmöglichkeiten einer zivilisierten Welt ist ein menschliches Grundbedürfnis und ein unerschöpflicher Quell von Einsicht, Aussicht, Hebung der Persönlichkeiten und genussreicher Entwicklung. Ihre kooperative Verwirklichung überwindet die strukturelle Gewalt.

Dem seien keine Grenzen gesetzt. International solidarisch – Schluss mit Austerität!

Was ist diese Ehre? Luft. Eine einfache Rechnung! Wer hat sie? Der am Donnerstag gestorben ist. Fühlt er sie? Nein. Hört er sie? Nein. Sie ist also nicht fühlbar? Nein, für die Toten nicht. Aber wird sie nicht mit den Lebenden leben? Nein. Warum nicht? Das läßt der Neid nicht zu. Die Ehre ist nichts als ein gemalter Wappenschild für einen Leichenzug, und damit ist mein Katechismus am Ende.
William Shakespeare, „König Heinrich IV.“, 1597.

Hier findet ihr auch den Flyer als pdf. 

Details

Datum:
Juni 2
Zeit:
18:00 - 22:00
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