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Filmseminar: Die zwölf Geschworenen

September 22 @ 20:00 - 23:00

(Spielfilm | Regie: Sidney Lumet | USA 1957 | 96 Min. | deu)

Voraussichtlich als letzte Freiluftkinoveranstaltung in diesem Jahr vor dem Philturm, Beginn um 20 Uhr


Mehrheit ist nicht gleich Wahrheit: Demokratie ist ein stetig zu vertiefender, sozialer Prozess, in dem die bestmögliche Entwicklung und Verwirklichung des allgemeinen Wohls auf argumentativer Grundlage und unter tendenzieller Beteiligung Aller tagtäglich neu zu erringen ist. Autoritätshörigkeit, Biedersinn, Irrationalismus, die Naturalisierung sozialer Ungleichheit und verfestigte gesellschaftliche Vorurteilsstrukturen gegenüber „Normabweichlern“ aller Art sind ihre ärgsten – meist konservativen – Feinde. Von denen dürfte es heute und hierzulande kaum weniger geben als in der von tiefgreifendem Rassismus, entfesselter Kommunistenhatz und einem allgemeinen Klima der Angst geprägten McCarthy-Ära in den USA der 1950er-Jahre, gegen die sich Sidney Lumet mit seinem weltberühmt gewordenen Erstlingswerk „Die zwölf Geschworenen“ wendet.

Die schauspielerisch herausragende, als intensives Kammerspiel inszenierte Verfilmung des von Reginald Rose 1954 verfassten Justizstücks zieht den Zuschauer sofort in ihren Bann. Mit den Geschworenen wird er in deren Beratungszimmer bei Gericht eingeschlossen, das erst verlassen werden darf, wenn ein einstimmiges Urteil über die Schuld oder Unschuld eines jugendlichen Puertoricaners aus einem New Yorker Armenviertel gefällt ist, dem, angeklagt wegen Mordes an seinem Vater, die Todesstrafe droht. Nach sechs Tagen Beweisaufnahme und Zeugenanhörungen scheint der Fall klar zu liegen und die Geschworenen schreiten, um angesichts der drückenden Hitze rasch zu einem Ergebnis zu kommen, direkt zur Abstimmung. Alle stimmen für schuldig – mit Ausnahme von einem: dem Geschworenen Nr. 8 (grandios: Henry Fonda). Dieser ist zwar nicht von der Unschuld des Angeklagten überzeugt, hat aber – der Unschuldsvermutung folgend – Zweifel an der Eindeutigkeit der Schuld und will, angesichts der Tragweite der Entscheidung, mit seinem Stimmverhalten zumindest eine Aussprache über den Fall erwirken und ein begründetes Urteil herbeiführen. Als so das anfänglich oberflächliche Gerede im Raum plötzlich in Zeter und Mordio gegen den vermeintlichen Delinquenten umschlägt, tritt klar zutage, dass hier all die erwähnten problematischen Auffassungen versammelt sind, wie sie die Gesellschaft tagtäglich in weitgehend unreflektierter Weise bestimmen. Nr. 8 geht jedoch davon unbeirrt seinem Gerechtigkeitssinn, seinem empathisch-aufklärerischen Impetus und seinen Zweifeln nach, legt sie zunehmend begründet dar, deckt im Streit immer mehr Widersprüchlichkeiten in den Zeugenaussagen und Tathergangsindizien auf und nährt bei einer wachsenden Zahl von Mitgeschworenen ebenfalls Zweifel an der Schuld des Jungen. Weil diese im Gang der Auseinandersetzung zunehmend ihre tatsächlichen Auffassungen artikulieren und Nr. 8 schließlich auch nicht davor zurückschreckt, in der persönlichen Konfrontation die niederen Motive der noch immer uneinsichtigen Verfechter eines Todesurteils zu entlarven, gelingt letzten Endes der Freispruch aus Mangel an Beweisen.

Die unglaublich präzise und lebendig eingefangene Szenerie wird so zu einem hochaktuellen Lehrstück für die uneingeschränkte Wirksamkeit aufklärerischer Vernunft und die Bedeutung persönlich realisierter, humaner Initiative zur Überwindung des Ewiggestrigen.

Wie kann aus „niemals“ ein „heute noch“ werden? Indem man mit dem Unmöglichen beginnt.

Die Verwirklichung eines demokratisch lebendigen, sozial gerechten, kulturell erfreulichen, dynamisch entwicklungsoffenen, zivilen und global menschenwürdigen Gemeinwesens ist längst überfällig.

Wir haben es in der Hand. Zu jeder Zeit an jedem Ort. Der erste Schritt weitet stets den Horizont. International solidarisch: Schluss mit Austerität!

„Ja, ich glaube an die sanfte Gewalt der Vernunft über die Menschen. Sie können ihr auf die Dauer nicht widerstehen. Kein Mensch kann lange zusehen, wie ich einen Stein fallen lasse und dazu sage: er fällt nicht. Dazu ist kein Mensch imstande. Die Verführung, die von einem Beweis ausgeht, ist zu groß. Ihr erliegen die meisten, auf die Dauer alle.“
Bertolt Brecht, „Leben des Galilei“, 3. Bild, 1939.

Hier findet ihr den Flyer auch als pdf.

Details

Datum:
September 22
Zeit:
20:00 - 23:00
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