Filmseminar: Die Buntkarierten
(Spielfilm | Regie: Kurt Maetzig | DDR 1949 | 97 Min. | deu)
Wer sind eigentlich die vielbeschworenen, „einfachen“ Leute, „für“ die gern Politik gemacht wird? In der Regel ein ideologisches Konstrukt, bemüht mit niederer Zwecksetzung: Solange es „Große Herren“ gibt, deren Funktion es ist, die Weltgeschicke zu lenken und „einfache Leute“, die ihr so bestimmtes Schicksal im Rahmen einer gewissen Variationsbreite hinnehmen, bleibt alles mehr oder weniger so, wie es ist. Wenn nun aber diese landläufige Erzählung, wie Geschichte verläuft, in Frage gestellt wird, und die „einfachen Leute“ ihre gesellschaftlich-historische Wirkungsmacht erkennen, dann kann es ungemütlich werden für die „Großen Herren“. Dann können Revolutionen ausbrechen, Weltkriege beendet werden und das globale, soziale Ungleichheitsgefüge in seinen Grundfesten aus den Angeln gehoben werden. Dieser Erkenntnis- und Bewusstseinsbildungsprozess ist jedoch selbst ein Kampf. Dabei lässt sich allerdings auf bereits gemachte historische Erfahrungen beziehen, wie auch auf deren künstlerische Verarbeitung.
Genau in diesem Sinne ist der 1949 unter Regie von Kurt Maetzig entstandene Film „Die Buntkarierten“, nach einem Hörspiel von Berta Waterstradt, besonders lehrreich, denn er reflektiert die umkämpfte Geschichte vom deutschen Kaiserreich bis zur Befreiung vom Faschismus aus der Sicht einer Arbeiterfamilie.
Guste wird im Jahre 1883 als Tochter eines Dienstmädchens geboren. Obwohl sie früh dagegen aufbegehrt, scheint ihr der Werdegang in ewig „niederer“ Stellung vorherbestimmt. Sie lernt jedoch den Malermeister Paul Schmiedecke kennen, der es ihr ermöglicht, das entwürdigende Dienstverhältnis zu verlassen. Der Erste Weltkrieg trifft die junge Familie jedoch schwer. Paul muss an die Front und Guste allein die beiden Kinder durchbringen. Als Ungelernte findet sie Arbeit in einer Rüstungsfabrik. Als sie begreift, dass ihre Granaten den Krieg verlängern und wer daran verdient, schmeißt sie auch diese Arbeit hin. Die jüdischen Nachbarn Lewin helfen aus, bis Paul unversehrt von der Front zurückkehrt und die Revolution den Krieg beendet. Mit der Republik brechen bessere Zeiten an. Paul kämpft in der Gewerkschaft für die Ausweitung der Arbeiterrechte und die Kinder wachsen heran. Mit der Wirtschaftskrise und dem aufkommenden Faschismus bricht das Unheil jedoch umso heftiger herein. Die Gewerkschaft verrät ihre Überzeugungen und wird verboten. Paul geht daran zugrunde. Guste, nun wieder alleinstehend, kann nichts gegen die Enteignung und Deportation der Lewins ausrichten. Ihr Groll gegen das Unrechtsregime wächst ins Unermessliche, als sie erfährt, dass ihr Sohn Hans in einer Granatenfabrik arbeitet und sich ihre Vorausahnung bewahrheitet, dass es wieder Krieg geben wird. Dessen Ende erlebt sie aus dem Gefängnis. Die ganze Tragweite der Befreiung wird der durch die Kämpfe gereiften, ehemaligen Dienstmagd jedoch erst bewusst, als die einzig überlebende Enkelin Christel sich als Studentin an der neu gegründeten Arbeiter- und Bauernfakultät einschreiben kann. Zur Feier des Tages näht Guste ihr ein Kleid aus der buntkarierten Bettwäsche, die sie einst als Hochzeitsgeschenk von ihrer früheren Herrschaft erhalten hatte. Eine Bettwäsche, wie sie stets dem Dienstpersonal zugewiesen wurde. Das Schicksal ist gebrochen. Die Geschichte wird neu geschrieben.
Mit dieser symbolträchtigen Parabel trifft der unglaublich wirklichkeitsnah erzählte Film am persönlichen Beispiel eine paradigmatische Aussage von historischer Tragweite: Wir haben es in der Hand, wenn Elend, Ungleichheit, Entwürdigung, Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung fortbestehen. Wir haben es ebenfalls in der Hand, dass sie überwunden werden. Wer sich auflehnt, erkennt Seinesgleichen und kann sich zur wahren menschlichen Größe der solidarischen Gestaltung einer umfassend humanen Welt erheben. Und aus „Niemals“ wird „Heute noch“!
Daher: International solidarisch – Schluss mit Austerität.
„Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
[…]Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer
Siegte außer ihm?
Jede Seite ein Sieg.
Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?“
Bertolt Brecht, „Fragen eines lesenden Arbeiters“, 1936