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Filmseminar: Chão – Landlos

September 28 @ 20:00 - 23:30

(Doku | Regie: C. Freitas | BR 2019 | 110 Min. | OmU)

Für Einleitung und Diskussion zum Film besucht uns Elizabet Cerqueira von der internationalen Brigade der Landlosenbewegung MST in Sambia.

–  als Freiluftkino auf dem Campus Von-Melle-Park, ab 20 Uhr
bei schlechten Wetter im Anna-Siemsen-Hörsaal, Von-Melle-Park 8 –


Soziale Proteste sind der einzig verlässliche Garant für ein besseres Leben. Das brasilianische Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra (MST) ist mit über 2 Millionen Mitgliedern eine der bedeutsamsten sozialen Bewegungen weltweit. In ihrer heutigen Form 1984 – noch während der Militärdiktatur – gegründet, verbindet die Bewegung der Landlosen den Kampf für eine umfassende Boden- und Agrarreform auf beispielgebende Weise mit den Kämpfen für Bildungsgerechtigkeit, die Überwindung jeglicher Form von strukturell-spezifischer Benachteiligung, ein nachhaltiges Mensch-Natur-Austauschverhältnis und eine solidarische Gesellschaft, in der die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen prinzipiell überwunden ist. Sie bezieht sich dabei nicht nur positiv auf die seit der kubanischen Revolution 1959 für viele Emanzipationsbewegungen Lateinamerikas maßgeblich gewordene Theologie der Befreiung, sondern auch auf ihre zahlreichen historischen Vorläufer, die sich seit der Kolonialzeit im gemeinsamen Kampf der Unterdrückten für ein Leben in Würde und Wohlentwicklung gegen die jeweils Herrschenden auflehnten.

In dem bemerkenswert egalitären Zusammenwirken von politisch erfahrenen, links-intellektuellen Aktivist:innen aus den größeren Städten und einer enormen Zahl hochengagierter, mittelloser Kleinbauern aus den sozial und kulturell völlig marginalisierten, ländlichen Regionen des Landes entfaltet die Bewegung ein unaufhaltsam wachsendes Emanzipationspotential für die gesamte brasilianische Gesellschaft.

Ein Tatbestand, der die Nutznießer der enormen sozialen Ungleichheit zutiefst beunruhigt und immer wieder zu massiven Verleumdungskampagnen und brutalen Repressionen veranlasste.

Unter der linken Regierung der Arbeiterpartei PT (2003-2016) erfuhr der Kampf des MST noch historisch beispiellose Unterstützung. Sie wurde jedoch 2016 durch einen parlamentarischen Putsch gestürzt, den die mächtige Lobby der agroindustriellen Großkonzerne orchestriert und finanziert hatte. Der folglich 2018 ins Amt gekommene faschistoide Präsident Bolsonaro ließ schließlich die Restriktionen für privaten Waffenbesitz lockern und die MST als „Terrororganisation“ verfolgen.

Für die nun im Oktober anstehenden Präsidentschaftswahlen ist die MST – aller Bekämpfung zum Trotz – zu einem der maßgeblichsten Faktoren geworden für die begründete Aussicht, eine für den gesamten Kontinent bedeutsame, politische Wende hin zu einer neuen Dynamik sozial-progressiver Transformationen durchzusetzen.

Ihr Kampf für die Umverteilung des Landes ist zudem von sehr direkter, globaler Bedeutung. Die für die Weltnahrungsmittelproduktion in höchstem Maße relevante brasilianische Landwirtschaft ist in den Händen einiger weniger Agro-Multis konzentriert, die über quasi-mafiöse Lobbystrukturen, illegale Landnahme, Vertreibung indigener Bevölkerungsgruppen, Zerstörung der Ökosysteme und Steuerflucht das ökologische, soziokulturelle und geopolitische „Klima“ der Welt nachhaltig schädigen. Ein Prozent der brasilianischen Bevölkerung besitzt 45% des Landes, während 70% der Nahrungsmittel von genau jenen Kleinbauern produziert werden, die gar kein eigenes Land besitzen.

Der just 2018 gedrehte Dokumentarfilm von Camila Freitas begleitet eine Gruppe von MST-Aktivist:innen über vier Jahre in ihrem Kampf für die Besetzung, Enteignung und Kultivierung einer von Großindustriellen brachliegend gelassenen Anbaufläche in Zentralbrasilien. Er widerlegt dabei nicht nur gängige Vorurteile über den Charakter der Bewegung, sondern gewährt zudem einzigartige Einblicke in die tiefgreifend emanzipatorische Wirkungsweise der Bewegung – indem er sie unkommentiert zeigt bei alltäglichen Verrichtungen, Gesprächen, Reflexionen, politischen Versammlungen und Aktivitäten.

So wird auf eindrucksvolle Weise die allseitige Entfaltung der Persönlichkeit in der Einheit von Arbeit, Bildung, Kultur und dem solidarischen Wirken für menschenwürdige Lebensbedingungen als verallgemeinerungswürdiges, menschliches Prinzip erkennbar. Aufklärung in der Tat ist die Überwindung des Elends. Ein bewegendes Beispiel, von dem sich lernen lässt.

International solidarisch – Schluss mit Austerität!

„Me-Ti sagte: Die Armen geben reichlich. Die Hungernden sind gute Gastgeber. An denen gespart wird, die sparen nicht.“
Bertolt Brecht, „Me-Ti. Buch der Wendungen“, entstanden im Exil der 1930er-Jahre.

Den Flyer findet ihr hier auch als pdf.

 

 

Details

Datum:
September 28
Zeit:
20:00 - 23:30
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