Filmseminar: Betrogen bis zum jüngsten Tag
(Spielfilm | Regie: Kurt Jung-Alsen | DDR 1957 | 75 Min. | deu)
Wahrheit oder Täuschung? Unbestreitbar ist: Frieden, Abrüstung und zivile internationale Kooperation zur Verwirklichung von Menschen- und Völkerrecht sowie einer sozialen, demokratischen und ökologisch nachhaltigen Entwicklung sind das globale Gebot der Stunde. Die große Mehrzahl der in Deutschland lebenden Menschen weiß das. Um gegen diese handlungsleitenden Einsichten Akzeptanz zu schaffen für einen massiven Sozialstaatsabbau, für drastische Lohneinschnitte, eine verschärfte Umverteilung von Unten nach Oben und einen nie dagewesenen Aufrüstungswahn, wird seit Jahr und Tag das Schreckgespenst des faschistisch-invasionslüsternen „Russen“ durch die meinungsbildende Öffentlichkeit gejagt. Diese Feindbild-Propaganda stellt nicht nur eine unerträgliche Relativierung der Verbrechen des historischen Faschismus selbst dar. Sie entspricht auch genau jenem expansionistischen Militarismus und ethnozentrischen Fanatismus, den sie gerade vorgibt zu bekämpfen. Schon der Erste und Zweite Weltkrieg wurden mit demselben Lügengebäude vorbereitet, gerechtfertigt und begonnen. „Nie wieder!“ bedeutet dagegen aktuell, die historisch erkannten und errungenen Tatsachen materiell neu zur gesellschaftlichen Wirksamkeit zu bringen.
Anlässlich des Antikriegstages am 1. September bildet der 1957 entstandene DEFA-Film „Betrogen bis zum jüngsten Tag“ von Kurt Jung-Alsen dazu eine entscheidende Anregung.
Er spielt im Frühjahr 1941 innerhalb eines frontnahen Wehrmachts-Truppenlagers im bereits besetzten Polen, nahe der litauisch-sowjetischen Grenze. Der Offiziersanwärter Lick, der Obergefreite Wagner und der Oberschütze Paulun können es kaum erwarten, sich endlich gegenüber dem „Feind im Osten“ zu bewähren. Als beste Schützen ihres Regiments erhalten sie kurzfristig Sonderurlaub. Dabei schießen sie auf einen Kranich, der von jenseits der Grenze in „deutsches“ Gebiet geflogen kam, treffen aber stattdessen die Tochter ihres Kompaniechefs tödlich.
Aus Furcht vor der Bestrafung verscharren sie die Leiche im nahen Sumpf. Sogleich entspinnt sich jedoch der Konflikt zwischen den Dreien, wie den Vorgesetzten gegenüber damit umzugehen ist. Der skrupulöse Paulun kann nur durch stetigen Druck von Lick immer wieder dazu genötigt werden, die Vertuschung aufrechtzuerhalten. Als die Geschichte dennoch aufzufliegen droht, schaltet Lick seinen Vater, einen hohen SS-Offizier ein. Dieser gräbt die Leiche aus, stellt sie als Opfer eines grausamen Überfalls der Sowjets dar, die die Grenze überquert hätten und entfesselt damit eine blutrünstige Vergeltungsaktion, die zugleich die ansässige Zivilbevölkerung umfasst und mit dem Beginn des Angriffs- und Vernichtungsfeldzugs gegen die Sowjetunion korrespondiert. Die meisten im Lager kennen die Wahrheit, aber Paulun, der sie ausspricht, wird für verrückt erklärt und auf der Flucht von Lick erschossen.
In seiner erzählerischen Dichte bildet der Film nicht nur eine eindrucksvoll-aufklärerische Parabel auf die Lügen, mit denen der Krieg zu rechtfertigen versucht wird. Er entfaltet in seiner psychologisch-authentischen Zeichnung der involvierten Charaktere und ihrer Konflikte zugleich auch eine ebenso scharfe Kritik an der (selbst-)zerstörerischen Rolle des ideologisch-verbrämten, Zusammenhalt stiften sollen Geistes, alles Menschliche dem vermeintlich höheren Zweck der sog. „Wehrfähigkeit“ unterzuordnen.
So wird für das vernunftbegabte Publikum eindringlich erkennbar, dass der höhere Zweck allen Tuns in der allseitigen, grenzenüberschreitenden Verwirklichung tatsächlicher Menschlichkeit besteht und dass dafür Krieg, Faschismus, Gewalt und Ungleichheit nachdrücklich und nachhaltig aus den sozialen Beziehungen der Menschen zu beseitigen sind. Historisch-global, gesellschaftlich-strukturell und persönlich-konkret. Darin besteht die höchst gegenwärtige Bedeutung eine:s Jede:n. Nehmen wir sie solidarisch engagiert wahr. Hinaus zum Antikriegstag!
International solidarisch – Schluss mit Austerität!
„Sie gaben mir einen Revolver
Sie sagten: Schieß auf unsern Feind!
Und als ich auf ihren Feind schoß
Da war mein Bruder gemeint.
Jetzt weiß ich: drüben steht mein Bruder.
Der Hunger ist’s, der uns eint
Und ich marschiere, marschiere
Mit seinem und meinem Feind.“
Bertolt Brecht, „Lied vom SA-Mann“, 1931.