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 Der marktgerechte Mensch

April 29

Doku | Regie: L. Franke & H. Lorenz | D 2020 | 99 Min. | deu


Die globale Dominanz des sich seit 1989 durchgesetzten Marktprinzips hat die Welt weder friedlicher, gerechter, gesünder, erfreulicher, sicherer, umweltfreundlicher, zukunftsfähiger oder gar menschengemäßer gemacht. Nichts zeigt sich in der aktuellen Krise so deutlich wie dies.
Das hochaktuelle, dokumentarische Werk der beiden Hamburger Filmemacher*innen beleuchtet dabei eindringlich die soziale, ökonomische und kulturell-mentale Änderungswürdigkeit unserer Zeit wie unter dem Brennglas:
Flexibilisierte“, befristete und prekarisierte Beschäftigungsverhältnisse ohne Kündigungsschutz, Arbeitsrechte, soziale Sicherungen, Organisationsmöglichkeiten oder gar vertragliche Absicherung, internationales Lohndumping, gesteigerte Überwachung und Sozialkontrolle am Arbeitsplatz, Entgrenzung der Arbeit, Cloud-Working mit Logarithmen als „Vorgesetzten“, wachsende Konkurrenz und Vereinzelung sind die moderne Form der Ausbeutung. Wenn sie auch im freundlichen, freiheitlichen, gar „hippen“ Antlitz daherkommen mag, steigert sie den gesellschaftlichen Druck zur Selbstoptimierung – in jedem Bereich des Lebens. Wer nicht mitkommt, ist eben ein Versager und selber Schuld. Werbung, Partnerbörsen und Ratgeber helfen dem, der es noch nicht begriffen hat. Die Profitrate freut sich.
Dass der Mensch so nicht ist, zeigt sich nicht erst an den daraus resultierenden sozialen, psychologischen und gesundheitlichen Deformationen, sondern auch daran, dass es anders eben besser geht.
Wissenschaftler*innen unterschiedlichster Disziplinen zeigen, dass soziale Zusammenhänge und die produktive Gestaltbarkeit der Lebensbedingungen entscheidende Kriterien für eine hohe Lebenserwartung sind. Dass Soziabilität, Empathie und Kooperativität bereits im frühesten Kindesalter erkennbare, menschliche Bedürfnisse sind. Dass Kooperation geschichtlich stets maßgeblich für menschheitlichen Fortschritt war und ist. Dass Kultur ein elementarer Faktor für die bewusste Entfaltung und Verwirklichung des menschlichen Seins ist. Ökonomische Modellversuche belegen, dass ziviles, solidarisches und nachhaltiges Wirtschaften nicht nur angenehmer ist, sondern auch besser gelingt als Marktanarchie.
Und schließlich verdeutlichen zivilgesellschaftliche Aktivisten, engagierte Künstler, sich kritisch zusammenschließende Arbeitnehmer und gewerkschaftlich organisiert Kämpfende, dass ein besseres Leben schon hier und jetzt gelingen kann, indem man bewusst für die Rechte und Interessen Seinesgleichen, eine Besserung der Welt und ein genussreiches Leben für Alle streitet.
So bekommt auch die Arbeit einen neuen, produktiven Sinn. Der verinnerlichte Verzicht hat eine erfreuliche Alternative. Schluss mit Austerität!

„Daß der Mensch nicht anders als in Gesellschaft lebend begriffen werden kann, ist ein Gemeinplatz, doch werden nicht alle notwendigen, auch individuellen, Schlußfolgerungen daraus gezogen: daß eine bestimmte menschliche Gesellschaft eine bestimmte Gesellschaft der Sachen voraussetzt und daß die menschliche Gesellschaft nur möglich ist, insofern eine bestimmte Gesellschaft der Sachen existiert, ist ebenfalls ein Gemeinplatz. Es ist wahr, daß diesen außer-individuellen Organismen bisher eine mechanistische und deterministische Bedeutung gegeben wurde: daher die Reaktion. Man muß eine Lehre erarbeiten, in der all diese Verhältnisse tätig und in Bewegung sind, wobei ganz deutlich festgestellt wird, daß der Sitz dieser Tätigkeit das Bewußtsein des Einzelmenschen ist, der erkennt, will, bewundert, schafft, insofern er bereits erkennt, will, bewundert, schafft usw. und sich nicht als isoliert, sondern als voller Möglichkeiten begreift, die ihm von anderen Menschen und von der Gesellschaft der Dinge geboten werden, wovon er unvermeidlich eine gewisse Kenntnis hat.“
Antonio Gramsci, „Gefängnishefte“, Bd. 6, Heft 10, Teil II, § (54), 1932-35.

Details

Datum:
April 29
Veranstaltungskategorie:

Veranstaltungsort

Anna-Siemsen-Hörsaal
Von-Melle-Park 8
Hamburg, 20146 Deutschland