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Filmseminar: „I, Daniel Blake“

Januar 23 @ 20:00 - 23:00

I, Daniel Blake, GB 2016, Englisch OmU, 100min


I, Daniel Blake
oder
Solidarität ist Würde

„Ein Sozialversicherungssystem, das die Fähigkeit, Arbeit zu finden, behindert, muß reformiert werden. Moderne Sozialdemokraten wollen das Sicherheitsnetz aus Ansprüchen in ein Sprungbrett in die Eigenverantwortung umwandeln.“
Tony Blair, Gerhard Schröder: „Der Weg nach vorne für Europas Sozialdemokratien“, London 1999.

„Ich, Daniel Blake, fordere meinen Widerspruchstermin, bevor ich verhungere. Und ändert die Scheißmusik im Telefon!“

Graffito im Film „I, Daniel Blake“.

Schon Ende der 1990er Jahre war Krise. Die damals von allen etablierten Parteien, Think-Tanks und Medien propagierte Konsequenz daraus war eine neoliberale „Radikalkur“: Schluss mit Solidarität im Sozialstaat. Der sei zu teuer; es müsse überall Unternehmergeist, Effizienz und Eigenverantwortung gefördert werden. So wurde der grundsätzliche, soziale Gegensatz zwischen Kapital und Erwerbsabhängigen zu verschleiern versucht und ein Scheingegensatz konstruiert: „Leistungsträger“ gegen „Sozialschmarotzer“. Das sollte zugleich die Entfesselung der Märkte, Steuererleichterungen für Unternehmen wie auch die entwürdigende Gesetzgebung gegen Erwerbslose und Arme legitimieren, die hier als „Hartz IV“ bekannt ist und die mittlerweile massiv in Frage gestellt ist.
„I, Daniel Blake“ ist ein Kunstwerk, das mit tiefster Empathie die menschlich verheerenden Folgen dieser Politik sichtbar macht. Daniel Blake ist ein älterer, erwerbslos gewordener Zimmermann. Nach einem Herzinfarkt gerät er wegen vorübergehender Arbeitsunfähigkeit in die Mühle der Sozialbürokratie, die – durch Schröder/Blair (s.o.) verschärft – zu einer harten und demütigenden Barriere des Staates gegen die notgetriebene Inanspruchnahme des Rechts auf soziale Sicherung, Wohlfahrt und kultureller Entwicklung gemacht wurde. Ihre Vorposten sind Jobcenter-Mitarbeiter, die teilweise genauso zynisch und verroht werden, wie die Gesetze, die sie durchsetzen sollen.
Diese Politik der sozialen Erniedrigung ist jedoch nicht ohne Gegenwehr und Alternative. Daniel Blake kämpft um seine Würde und findet so neue Freunde und Mitstreiter*innen. Ebenso wird jedoch auch deutlich, dass für die Verwirklichung von Solidarität und Menschenwürde einen größeren, überindividuellen, gesellschaftlichen Zusammenhang herzustellen unabdingbar ist.
Der halb-dokumentarische Film des britischen Filmemachers Ken Loach ist ein bewegendes Plädoyer für die gleiche Würde Aller. Ohne Beschönigung wird die rabiate soziale Realität der Konkurrenzgesellschaft gezeigt. Uns Zuschauer*innen ist dabei aufgegeben, die menschenfreundliche Perspektive dagegen selbst zu bilden.
Der Film wurde 2016 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet und gewann zahlreiche britische Filmpreise. Er ist ein künstlerisches Element der aktuell stattfindenden Umwälzung der britischen Gesellschaft, für das Ende der „Austerity“ und die Revitalisierung der Labour-Partei, die ihre Unterwerfung unter den Neoliberalismus mit der Kampagne „For The Many, Not The Few“ selbstkritisch beendet. Die britische Gesellschaft ist dabei, den ökonomischen und ideologischen Ballast der neoliberalen Ära abzuwerfen. Dieser Film hat dazu beigetragen.

„Die Möglichkeit ist nicht die Wirklichkeit, doch auch sie ist eine Wirklichkeit: daß der Mensch eine Sache tun oder lassen kann, hat seine Bedeutung, um zu bewerten, was wirklich getan wird.
Möglichkeit bedeutet »Freiheit«. Das Maß der Freiheit geht in den Begriff des Menschen ein. Daß es objektive Möglichkeiten gibt, nicht Hungers zu sterben, und daß dabei Hungers gestorben wird, hat anscheinend seine Bedeutung.“

Antonio Gramsci, „Gefängnishefte“, Heft 10, Teil II, § (48), 1932.

Hier findet ihr den Flyer als pdf.

Details

Datum:
Januar 23
Zeit:
20:00 - 23:00

Veranstaltungsort

Audimax II
Von-Melle-Park
Hamburg, 20146 Deutschland